„Die meisten Künstlerinnen stehen nicht auf der Bühne, um angeguckt zu werden, sondern weil sie sich gesehen fühlen wollen.“ Boom. Wieder so ein Satz, bei dem ich kurz anhalten muss, darüber nachdenken, nachfühlen, wie meine eigene Idee und Haltung dazu ist. Über die Beziehung zwischen Künstlerinnen und Fans, über das auf-der-Bühne-stehen, über Narzissmus. Warum suchen sich Menschen Jobs aus, für die sie in der Öffentlichkeit stehen (müssen)?

„Die Träume anderer Leute“ heißt das Buch, das Judith Holofernes geschrieben hat, Judith, die Sängerin von Wir sind Helden, die Künstlerin, die Autorin, die Dichterin. Ich stolpere immer wieder über Textpassagen, die mich anstupsen, die mich beschäftigen, oft mehrere Tage. Diese Stelle ist so eine, denn ich habe das Buch schon vor ein paar Tagen durchgelesen und komme mit meinen Gedanken immer wieder zurück. (Tolles Buch, lies es!)

Über dieses Ding mit den Fans grüble ich seit Jahren, denn es gab einen Punkt, an dem Menschen anfingen, mich als Vorbild zu bezeichnen. Ich habe das immer weggelächelt, wurde rot, nahm es als übertriebene Geste, speicherte es als Quatsch ab.

Aber es wurden immer mehr. Mehr, die meine Texte mochten. Mehr, die meine Art mochten, meine Idee vom Schreiben und Denken. Dann kam dieser Satz „Sie fühlt sich selbst wie ein Küken, dabei ist sie schon längst ein Role Model“ und ich musste erstmal googeln, was das nun wirklich ganz genau bedeutet.

Ich stehe nicht auf einer Bühne und ich habe es auch in Zukunft nicht geplant. Ich bin kein Popstar und auch keine Speakerin, die die Massen mit irgendwelchen coolen Vorträgen begeistert. Oder? Immerhin schicke ich meine Botschaften in die Welt und erst gestern lese ich wieder auf LinkedIn unter einem Beitrag: „Ich bin auch ein Fan von Anna Koschinski“.

Judiths Gedanken in dem Buch scheinen mir sehr clever und durchdacht. Sie schreibt darüber, dass Bühnenmenschen ein hohes Maß an Narzissmus unterstellt werde, sie das aber für zu kurz gedacht hält. Denn es sei eben nicht das angeschaut werden, sondern das gesehen werden.

„Wir stellen uns auf die Bühne, weil wir etwas zu teilen haben, einen riesigen Geschenkkorb, den wir alleine nie aufessen könnten. Wir zeigen uns, weil wir den Mut haben, uns zu zeigen, egal ob es uns leicht- oder schwerfällt.“

Judith Holofernes in „Die Träume anderer Leute“ (Kiepenheuer & Witsch, 2024, S. 200)

Die Beziehung zwischen Fans und Künstlerinnen könne man also nicht so einseitig betrachten, schreibt Judith. Man kenne sich nicht, aber man kenne sich gut. Das ist für mich der spannendste Punkt, denn genau darüber habe ich ja selbst an der ein oder anderen Stelle geschrieben. Niemand meiner Leserinnen oder Hörer kennt mich, aber gleichzeitig kennen sie mich – nämlich das, was ich zeige. Es ist also schon eine Beziehung, eine echte, die hier gebaut wird. Nur ist sie auf einen Teil beschränkt, den Bühnenteil. Aber das Wichtige ist: Die Beziehung ist wechselseitig:

„Ich kenne meine Fans durch Tausende ineinanderfließende Begegnungen und Geschichten, sie kennen mich durch Songs, in denen ich Sachen singe, die ich vor Freunden kaum aussprechen kann. Auf der Bühne habe ich das Gefühl, mich ganz zeigen zu können, in meiner Widersprüchlichkeit und Gleichzeitigkeit. […] Ich kann alles sein, was ich jemals gesungen habe, und das ist eine ganz Menge.“

Judith Holofernes in „Die Träume anderer Leute“ (Kiepenheuer & Witsch, 2024, S. 200 f.)

Hier möchte ich rufen: JA! Das ist das doch das wahrhaft Interessante an diesem „Bühnenleben“. Wir können alles sein. Denn alles hat seinen Platz. Die Fröhlichkeit, der Charme, die klugen Gedanken, die Freiheit. Aber auch die Unsicherheit und die Furcht und die Wut. Die Albernheit, die Schönheit, sowie die Scham und die Reue und die Gefahr.

Wie könnte man das alles zeigen in einer Begegnung? All diese Teile, all diese Formen und Farben. Wo, wenn nicht hier, könnte man unsexy und strahlend gleichzeitig sein? Oder weich und hart? Oder stark und schwach, wie ich es an anderer Stelle schon beschrieben habe? Bedrohlich, aufgedreht und tieftraurig? Alles auf einmal, alles gleichzeitig.

Es ist nicht (nur) Exhibitionismus, genau wie es auf Fanseite nicht (nur) Voyeurismus ist. Es ist mitdenken, mitfühlen, mitfreuen und mitleiden – alles gleichzeitig. Es ist Beziehung, aus der nicht nur die eine Seite etwas herauszieht. Alles darf sein. Wie wundervoll.

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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