„Anna konnte sprechen, bevor sie laufen konnte. Sie hat dann immer gerufen, bis jemand kam. So hatte sie keinen Grund, sich für das Laufen zu begeistern.“ Meine Mutter erzählt diese kleine Episode meines Lebens fast jedem von meinen Leuten, die ich ihr vorstelle.

Ich bin das, was man ein „sprachbegabtes Kind“ nennt. Reden, lesen, schreiben. Später nicht nur Deutsch, sondern auch Fremdsprachen.

Natürlich habe ich irgendwann laufen gelernt, keine Frage. Aber das, wofür ich in Erzählungen hervorgehoben werde, sind meine sprachlichen Fähigkeiten.

Deutsch 1, Rechtschreibung 1, Lesen 1, Schrift 1. Meine Noten in Deutsch waren immer gut – selbst zu der Zeit in der Mittelstufe, als ich beschlossen hatte, dass Schule sich nicht lohnt.

Ich bin das jüngste Kind in unserer Familie, habe zwei ältere Brüder. Der eine war schon immer technisch begabt und sportlich, mein zweiter Bruder war gut in den Naturwissenschaften und in Informatik.

Blieb ja nicht mehr viel übrig… Und dann war ich ja auch noch ein Mädchen – die sind ja eh immer gut in Sprachen… Und mein Vater war schließlich Lehrer. Hatte Anglistik, Literaturwissenschaften und Linguistik studiert. Passt.

Also habe ich gelesen und geschrieben, war aber eher still und zurückhaltend. Charaktersache vielleicht. Natürlich habe ich in der 9. Klasse die sprachlich-künstlerische Differenzierung gewählt, in der Oberstufe Literatur. Im Abitur dann Deutsch-LK und Latein-LK. Klare Sache.

Ich habe „schon immer“ geschrieben. Geschichten, Gedichte, ich habe sogar mal einen Jugendroman angefangen, ihn aber nie zu Ende gebracht. Und ich habe mal einen Vorlese-Wettbewerb gewonnen.

Studiert habe ich? Na klar: Linguistik. Sprachwissenschaften mit Schwerpunkt Kommunikationsmanagement.

Das klingt alles so logisch.

Die Kehrseite der Medaille:
„Mathe war einfach nie Annas Ding.“
„Ja, da warst du einfach nicht so gut, Anna.“
„Mathe ist eben schwierig.“

Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn man mir auch mal erzählt hätte, wie cool Mathe ist. Und dass ich es kann, wenn ich nur will. Habe mich aber tatsächlich nie intensiv damit beschäftigt – ich hatte ja meine Nische.

Meinem Sohn erzähle ich übrigens, er kann in allen Fächern gut sein. Und in Sport. Wenn er sich nur genug anstrengt. Ich sage ihm, es fällt ihm nichts in den Schoß, egal wie clever er ist. Aber wenn er es will, dann kann er auch Astronaut werden, so wie er das schon länger plant.

Denn ich möchte ihn nicht beschränken.

Klar, auch jetzt könnte ich noch Mathe studieren, kein Thema. Lebenslanges Lernen und so.

Aber sind wir mal ehrlich: Wenn wir diese Sätze ein halbes Leben lang hören und sie uns auch selbst erzählen, dann sitzen die irgendwann ganz schön fest.

Also schreibe ich darüber. Und erzähle meinem Sohn, dass auch Jungs gut in Deutsch sein können – UND in Mathe. UND in Kunst. UND…

Kennst du diese Erzählungen von Eltern? Die etwas ganz besonders hervorheben, egal mit wem sie sprechen? Und die vielleicht auch hervorheben, was du nicht so gut konntest – „schon immer“?

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

3 Antworten

  1. Ich war auch immer das, was man sprachbegabt nennt, und in Mathe nicht besonders gut, bis mir in der Oberstufe eine Lehrerin zu verstehen gab, das Mathematik auch nur eine Sprache sei, mit der man die Welt beschreiben könne. Danach fielen mehrere Groschen, leider hatte ich aber zu viele Lücken aus der Mittelstufe. Aber zumindest wurde ich von einer Katastrophenschülerin zu einer Mathematikliebhaberin.

    • Das ist eine schöne Wendung. Ich habe aus Trotz Mathe als 3. Fach mit ins Abi genommen und mich dann in der Klausur so sehr gequält. Ich hatte nicht nur Lücken, sondern wirklich große Löcher, aber ich habe die volle Zeit dort gesessen und alles aufgeschrieben, was ich wusste. 2 Punkte waren das dann, ich glaub, mehr war nicht drin. Schade ist es trotzdem. Cool, dass du deine Einstellung zu Mathe verändern konntest!

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