Alte Liebe. Es war so passend. Meine Freundin Miriam und ich hatten unsere Sektgläser gehoben und wir stießen an auf die alte Liebe. An der Alten Liebe. In Cuxhaven. Silvester 2011. Jetzt war Neujahr. 2012. Was das für ein verrücktes und entscheidendes Jahr werden würde, wusste ich aber noch nicht. Nur, dass es auch eine neue Liebe geben würde. Bloß musste ich noch ein paar Dinge klären vorher. Vor allem mit mir selbst. Das war sogar mir mit meinen 25 Jahren klar.

Am Silvesterabend waren wir Essen gegangen, Fisch natürlich. Immer, wenn ich an der See bin, muss ich auch Fisch essen, alles andere wäre Frevel. Und zu diesem Essen hatte Miriam mich eingeladen, denn ich hatte den größeren Anteil unseres Urlaubs finanziert.

„Wie, du willst über Weihnachten und Silvester nach Cuxhaven fahren? Ganz allein?!“ Meine Mutter war nicht begeistert von meinen Plänen. Aber ich war begeistert. Einfach dem Trubel und dem Konsumrausch entfliehen, es gab sowieso keine Familie mehr, die zusammenkommen könnte. Meine Brüder würden auch nicht in Bielefeld sein.

Mein damaliger Freund war bei seiner Familie und es war schon mehr als eine Krise, in die wir uns da hineinmanövriert hatten. Also dachte ich: Ja, einmal den Kopf frei pusten lassen, ganz allein, ohne Ablenkung, faulenzen, ein bisschen Sauna, alle Teile Kill Bill schauen. Eine neue Frisur! Was man halt so macht, wenn man gerade alles in seinem Leben umschmeißen will und den letzten Impuls noch nicht greifen kann.

Über Weihnachten war ich wirklich ganz allein da oben. Das war perfekt. Schlafen wann ich wollte, essen wann ich wollte, Spaziergänge. Es gab ja auch nichts zu tun für mich, gerade über die Feiertage nicht. Ich wollte wissen, wo mich meine Gedanken hintragen würden.

Ich wusste viele Dinge, die ich nicht (mehr) wollte, aber was ich wollte, davon hatte ich keinen blassen Schimmer. Ständig fragten mich irgendwelche Leute: „Anna, wann bist du denn mal mit dem Studium fertig?“ und ich sagte immer: Nächstes Semester. Das sagte ich ein paar Jahre lang.

Die Alte Liebe

Miriam war nach den Weihnachtsfeiertagen nachgereist und wir hatten ein paar ganz ruhige Tage. Gutes Essen, Lesen, Sauna, Schwimmen, Spaziergänge. Einfach nur eine gute Zeit mit dem Menschen, der mich wohl am besten kannte. Silvester wollten wir dann was Besonderes machen, wir waren beide beim Friseur, hatten uns hübsch gemacht, zum Glück war es nicht so kalt in diesem Jahr.

Das Silvesterfeuerwerk schauten wir uns von der Alten Liebe aus an. Logisch, welcher Ort könnte besser geeignet sein? Und da kam sie, diese Erkenntnis, die sicher schon viel länger in mir war, ich hatte sie nur nicht gehört hören wollen.

Nein, ich würde nicht nach Frankfurt ziehen. Nicht die Beziehung zu meinem Freund kitten, ich wollte gar nicht mehr investieren. Alles kriselte. Mein Job beim Radio, meine Beziehung, das Studium schon lange. Was ich gut konnte, war kellnern, also arbeitete ich im Restaurant und machte lange Wochenenden Catering auf Messen. Aber mit kellnern wollte ich auch nicht den Rest meines Lebens verbringen.

Tatsächlich war es die „Alte Liebe“, die mich fühlen ließ: Stimmt, das alles ist alt. Dieses Leben ist festgefahren und nicht mehr attraktiv. Ich hatte im September den NLP Practitioner angefangen, hatte einige Dinge in mir aufgeräumt und eine ganze Menge gelernt. Über das, was ich gut kann, und über die Art, wie ich denke. Und auch über die Menschen, mit denen ich mich umgeben will.

2012 wurde das Jahr, in dem ich alles umkrempelte. Beziehung? Ende. Die Arbeit beim Radio? Ende. Die Wohnung? Ende. Nur das Studium schleppte ich noch ein paar Jahre mit mir herum, denn es bot mir so viele Vorteile.

Aber ich musste erst nach Cuxhaven fahren, um zu verstehen, dass ich gerade sehr gut allein zurechtkam und dass viele Dinge, die ich festgehalten hatte, zu einem alten Leben gehörten, auch eine alte Liebe. Der Heiratsantrag, den ich dann auch 2012 bekam, war nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, das Alte fortzuführen. Zum Glück hatte ich mir etwas aus Cuxhaven mitgenommen. Meinen Impuls. Daher sagte ich damals sehr entschieden: Nein. Und letztlich Ja. Zu mir.

Ich würde sagen, dieser Impuls und diese Erkenntnis kamen genau zur rechten Zeit zu mir – oder ich zu ihr, je nachdem wie man es betrachtet. Damit passt diese Geschichte wunderbar in die 40. Blognacht, denn der Impuls ist heute Abend: „Eine wertvolle Erkenntnis genau zur rechten Zeit“.

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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