Es gab eine Zeit, da habe ich mein Leben nach einem Stundenplan organisiert. Das war, als Junior noch ganz klein war, ich noch an der Uni. Damals hatte ich ja eh einen Stundenplan, zwar nur mit wenigen Vorlesungen und Seminaren, aber immerhin. Meine anderen Termine habe ich dann einfach auch in den Plan eingetragen. Zeiten für Junior, für den Haushalt, für mein Business, Zeiten zum Schreiben, Zeit für Sport. Ein sehr durchgetaktetes Leben. Sehr starr, sehr fokussiert. Ich mache das schon lange nicht mehr so, weil ich die Flexibilität meines Arbeitsmodells so sehr genieße. Und doch: Ich habe mir gestern erstmalig wieder einen Wochenplan geschrieben.

Meine Freundin ist im vergangenen Jahr an einer schweren Depression erkrankt und rappelt sich seitdem mühsam wieder auf. Ich erfahre ab und zu, was sie so macht, wie sie mit ihrer Situation umgeht und welche Hilfen sie sich sucht. Struktur ist ein großes Thema in diesem Prozess und als sie mir erzählte, dass sie sich jede Woche einen Plan macht und ganz bewusst wohltuende Aktivitäten und Treffen mit Menschen hineinschreibt, da dachte ich: Vielleicht muss ich das auch mal wieder machen.

Irgendwann im Laufe der vergangenen Woche hatte ich dann einen Text von Eva Scheller gelesen, die sich Kreativ- und Schreibzeiten verordnet und dabei bestimmte Regeln befolgt. Vögel und Wolken beobachten ist ausdrücklich erlaubt, nicht dagegen die Ablenkung durch Handy-Spiele und unkontrollierter Konsum von Medien-Inhalten. Klingt für mich total logisch, mache ich auch immer so, wenn ich Großes vorhabe. Während 28 Tage Content zum Beispiel schaue ich keine Filme oder Serien; wenn ich Zerstreuung brauche, dann lese ich (Romane, nicht Sachbücher!).

Also ein Plan, Regeln – man könnte meinen, man beraube sich seiner Freiheit, die man sich doch so mühsam über die Jahre erarbeitet hat. Aber letztlich ist das ja nichts anderes, als Prioritäten zu setzen. Mir ist es gar nicht wichtig, ob ich nun von 8 bis 10 oder von 8:23 bis 9:45 Uhr schreibe, ob ich laufen gehe am Vormittag oder am Nachmittag – nur merke ich, dass ich verbindlicher bin, wenn ich mir einen Zeitraum dafür im Kalender eintrage, anstatt nur ein To-do auf meine tägliche Vorhaben-Liste zu schreiben.

Ein bisschen Disziplin für die schönen Dinge in meinem Leben also, damit ich sie nicht vergesse in diesem „ich-muss-aber-noch-die-Zusammenfassung-und-die-Textaufträge-fertigschreiben“-Wust. Denn das, merke ich seit geraumer Zeit, macht mich nicht gerade glücklicher, im Gegenteil. Aufgaben abzuschließen und Rechnungen zu schreiben macht mich nicht fröhlich. Aber Ideen umzusetzen und neue Dinge zu lernen – das schon.

Also setze ich Prioritäten. Für schöne Dinge. Weil ich es mir leisten kann. Und mache wieder bunte Wochenpläne, wie 2015. Fühle mich gleich ein bisschen jünger jetzt. Weil das wie in der Schule oder in der Uni ist. Nur dass die Mittagspause zwischen zwei Seminaren länger sein darf als 30 Minuten. Ein bisschen meiner erkämpften Freiheit nehme ich also doch mit.

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

3 Antworten

  1. Liebe Anna,
    Künstlerin sein, das ist doch toll! Ich habe mir das auch zu Eigen gemacht, nachdem mir dies die liebe Dr. Eva Scheller beim Künsterinnen-Stammtisch zugesprochen hat. Schreiben ist wahrlich eine Kunst!
    Und ja, auf die Haltung zur Disziplin (und nicht nur zu dieser) kommt es an. Es ist eben alles auch Abwägungssache, wie Alles im LEBEN.
    Ich bin an deiner Seite
    Margaretha

  2. Liebe Anna,
    was für eine schöne Idee „ein bisschen Disziplin für die schönen Dinge!“
    Auf die Frage an meine 101-jährige ehemalige Hausärztin, welches Rezept sie für ihre lange Lebenszeit hat, nannte sie Disziplin. Du siehst, Du bist auf einem guten Weg in die Zukunft.
    Das gute Gefühl beim Rechnungen schreiben kommt garantiert auch noch. Ich vermisse es sogar ein bisschen!
    Hab es ganz gut und viel freue Dich an der Farbe Deiner Wochenpläne.
    Herzlichst
    Margaretha

    • Liebe Margaretha,
      so schön, dass du hier mitliest, das freut mich! Ja, das mit der Disziplin ist so eine Sache, mein Kontinuum ist da sehr, sehr groß und ich schwanke dazwischen hin und her. Disziplin entsteht im Kopf, genau wie Entspannung auch (hier habe ich schon mal darüber geschrieben: https://anna-livia.de/undiszipliniert/). Ich kann zu so vielen Massage-Terminen gehen und trotzdem gestresst sein, und ich kann so viele Termine managen und trotzdem Dinge schleifen lassen. Es ist ein Kontinuum und es hat was mit Haltung zu tun, denke ich. Karriere ist eben nur ein Teil des Lebens, und vielleicht möchte ich gerade doch lieber Künstlerin sein. Ich versuch es jetzt mal so und schaue, wie weit ich damit komme.

      Eine Umarmung zu dir
      Anna

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