Es ist alles durcheinander und vielleicht ist das der Grund, warum Drama und Jammern so viel Raum bekommen in meinem Kopf. Dabei versuche ich nur, die Zustände in mir mit dem, was ich weiß (oder zu wissen glaube), in Einklang zu bringen. Ist aber gar nicht so einfach. Und wenn ich versuche, dieses Ringen zu erklären, dann halten mich die Leute für eingebildet, arrogant und verrückt. Das hilft nur nicht weiter, es bestätigt ja lediglich, was mich beschäftigt. Nämlich, dass Gefühl und Verstand nicht zusammenpassen. Da ist eine Lücke und ich kann nicht erklären, woher die Gefühle kommen, die mich beschäftigen. Na ja, eigentlich ist das keine Lücke, das ist ein Abgrund.
Ich bastele seit fast 11 Jahren an meiner Selbstständigkeit. Anfangs habe ich Produktbeschreibungen für Online-Shops geschrieben, das ist ungefähr die langweiligste Arbeit, die ich mir vorstellen kann. Also habe ich versucht, diese Texte anders zu schreiben. Ja, für SEO, ja, für das System, in dem sie arbeiten sollen. Aber auch anders, damit sie auffallen und vielleicht auch noch einen Effekt haben, sollte sie denn wirklich mal jemand lesen.
Das war nicht meins, also habe ich mir andere Aufgaben gesucht. Texte für Websites, weniger Produkttexte und Angebotsseiten, sondern About-Seiten und Startseiten. Und dann kamen die Blogtexte. So viel Freiheit, so viel Raum für Texte, die Wirkung haben – vom kleinen Impuls bis zur großen Story. Von Anleitungen, die richtig Lust machen aufs Ausprobieren, bis zur Kolumne oder einem Text, der tiefgeht und gleichzeitig eine starke Meinung präsentiert. Je nach Zielgruppe natürlich immer mit einer anderen Tonalität – wie ein Spiel, bei dem man mit jedem Text die Regeln besser versteht.
Dann kamen das Coaching, das Schreiben fürs Hören als professionelle Dienstleistung, Texte für Social Media. Und es kamen die Kommunikationskonzepte, die mehr waren als nur ein Auftrag. Ich erschaffe die Stimmen von Marken und Unternehmer*innen. Ich kreiere den Sound, der durch jegliche Kommunikation hindurchklingt. Nach meiner Vorlage klingen sie stimmig und anziehend auf allen Kanälen. Diese Arbeit ist unglaublich, denn es ist wie puzzeln – ich wühle mich in die Sprache, in die Werte, in die Arbeitsweise – und ich werde die Person, die die Zielgruppe versteht. Bis es matcht und Texte Gesprächsangebote sind, die Verbindung schaffen.
Das ist das, was ich weiß. Das ist das, was ich als Feedback bekomme. Schwarz auf weiß. Ich speichere es mir in meinem Feedback-Ordner. E-Mails, Kommentare, Messenger-Nachrichten, Postkarten, Briefe. Und dann kommt der Abgrund. Denn was ich fühle ist nicht Stolz.
„Du setzt dir die Krone auf“
Was ich fühle, ist so etwas wie Unsicherheit. Oder ein Gefühl, als würde ich die Menschen betrügen. In allem, was ich tue. Denn ich könnte es sicher besser machen. Niemand bekommt die 100 Prozent. Und ich weiß das. Aber sie nicht.
Wenn ich versuche, diesen Abgrund zu erklären, erkläre ich immer beide Seiten. Das, was offen daliegt und das, was ich fühle. Um klarzumachen, dass ich doch eigentlich weiß, wie irre das ist. Aber wenn ich erzähle, was meine Kunden und Kundinnen über mich schreiben oder sagen, dann wirkt das arrogant.
Letztens hörte ich: „Du setzt dir wieder die Krone auf, erzählst von deinen Ausbildungen, deinem Weg, deinen Erfolgen…“ Ja, weil sie überwiegen. Klar gab es auch mal Projekte, die gescheitert sind. Aber ich bekomme selten schlechtes Feedback. Aber das zu sagen, wirkt auch wieder wie eine Story, die mich auf ein Podest stellt.
Die Screenshots in meinem Ordner sehen die Menschen, mit denen ich spreche, nicht. Ich sehe sie. Und was ich sehe, berührt mich. Ich kann sagen: Ja, die sind wohl zufrieden mit dem Ergebnis. Nein, mehr noch, sie sind super glücklich damit und sie schreiben es mir. Als Wertschätzung und sicher auch, weil es ihnen ein Bedürfnis ist, etwas zu sagen und nicht nur die Rechnung zu zahlen.
Und mir ist das unangenehm. Ich kann es nicht übersetzen in Stolz und Glück und Freude.
„Du hast das Potenzial, brillant zu sein – und nutzt es nicht“
Kennst du Komplimente, die Einschränkungen beinhalten? Etwa so: „Dir fällt das ja auch leicht, du hast eben ein Talent dafür, du schüttelst das aus dem Ärmel und musst dich nicht mühen, so wie andere.“
Also im Grunde das, was meine Eltern so oft sagten: Stinkend faul, durchgewurschtelt, ohne Mühe durch die Schullaufbahn gegangen – sagten sie über all ihre Kinder, vielleicht stimmt es sogar. Es verkennt nur die Tatsache, dass wir sicher alle gekämpft haben, mal mehr, mal weniger. Aber jedes Scheitern war unser Fehler. Zu faul, zu wenig getan, zu wenig angestrengt. Zu wenig. Alles zu wenig.
Und selbst wenn ich derzeit nicht scheitere, bleibt doch immer die Unsicherheit. Denn ich könnte doch alles besser machen. Ist das nicht auch wieder durchgewurschtelt? Habe ich genug getan? Wann wird mir meine Faulheit auf die Füße fallen? Wann werden sie merken, dass ich vielleicht einen halben Tag lang aus dem Fenster geschaut habe, anstatt wie wild in die Tasten zu hauen? Wann werden sie es durchschauen, dass ich doch eigentlich viel brillanter sein könnte? Und habe ich die Anerkennung verdient? Denn sie wissen ja nicht, was sie bekommen könnten, wenn ich mein volles Potenzial ausschöpfen würde.
Hier ist der Abgrund. Und der kommt mir gerade so unglaublich groß vor. Vielleicht, weil ich gerade Zeit habe, darüber nachzudenken. Ich kann es nicht erklären und ich kann diese Zustände nicht übereinanderbringen, obwohl ich das alles weiß. Und das ist vielleicht das, was mir am meisten Angst macht – denn Dinge, die ich nicht verstehe, stressen mich. Und ich wälze sie so lange im Kopf, bis ich eine Lösung finde. Das ist wirklich sehr anstrengend.
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3 Antworten
Liebe Anna,
gut ist gut genug. Und du bist gut, einfach weil du bist.
Aus der Ferne drücke ich dich ganz fest.
Edith
Hallo Anna,
Ach was, das ist keine Faulheit – das ist Effizienz.
Du kennst doch sicher das Pareto-Prinzip? Für einen großen Teil der Arbeit (meist sagte man, 80%) braucht man relativ wenig (20%) Energie. Aber je perfekter etwas werden soll, desto mehr muss man reinbuttern: 90 % Perfektion können da schon doppelt so viel Arbeit erfordern wie 80 %, und 95 % dann nochmal doppelt so viel wie 90.
Ansonsten stellen wir Frauen unser Licht auch gern unter den Scheffel.
Gute Neuigkeiten: Das wird oft besser, wenn sich zwischen 40 und 55 dieser Östrogennebel („ich will gefallen, ich muss perfekt sein, wie sehen mich andere?“) lichtet und das Testosteron mehr Gewicht bekommt. Denn Männer haben dieses Problem im Beruf, so meine Beobachtung, sehr viel seltener…
Grüße aus dem Odenwald –
Katja
Hi Katja, auch darüber habe ich nachgedacht. Ich glaube, das ist kein geschlechterspezifisches Problem, es liegt daran, wie geübt wir sind, unsere Story zu erzählen bzw. welche Freiheiten wir uns erlauben. Habe ich gelernt, dass ich Zweifel niemals erwähnen darf, dann werde ich es nicht – auch mir selbst gegenüber nicht. Ich glaube aber mittlerweile nicht mehr, dass das erstrebenswert ist, habe ich auch zu lange gemacht.
Und Pareto – ja klar kenne ich das. Es gehört aber zu dem logischen Teil und tut nichts daran, wie ich mich fühle. Einfaches Reframing? Funktioniert nicht nachhaltig. Denn ich weiß ja, dass meine Arbeit gut ist, ich lese und höre es jeden Tag.
Grüße zu dir aus Bielefeld
Anna