Auf dem Bord über der Spüle stehen sie, zwei Keramiktöpfe, bunt gestreift, einer ist hauptsächlich blau, verschiedene Farbtöne, ein bisschen gelb dazu. Der andere ist grün-pink-rosa-dingens, ich bin nicht so firm mit den Farbbezeichnungen. Da habe ich mit meiner Designerin schon in Diskussionen befunden, als sie mir sagte, was ich für türkis hielt, sei eigentlich blau. Na ja. Es gibt jedenfalls diesen zauberhaften Petrol-Farbton, den mag ich sehr und auf den konnten wir uns einigen.

Die Keramiktöpfe habe ich von meiner Kursfahrt aus Sorrent mitgebracht. Sorrent am Golf von Neapel. Man sagte mir damals, dieses Töpferhandwerk, diese Kunst, sei hier in Sorrent und im Raum der Amalfiküste sehr verbreitet und als wir so durch die Gassen schlenderten, sah ich diese vielen kleinen Geschäfte und Stände, die diese zauberhaft schönen Dinge verkauften. Teller, Schalen, Töpfe mit Deckel – so bunt wie der Sommer selbst.

Ich habe damals gedacht, ich nehme mir ein Stück Sorrent mit. Und war besorgt darum, ob ich die beiden Töpfe überhaupt heile nach Bielefeld bekomme, denn wir waren natürlich mit dem Bus unterwegs und Busfahrer sind nicht eben die zimperlichsten, wenn es darum geht, Reisetaschen und Koffer im großen Bauch eines Busses zu verstauen. Aber es hat funktioniert. Und seitdem begleiten mich diese beiden hübschen Töpfe.

Die beiden Schürzen, die an der Tür hängen, eine große und eine kleine. Die kleine ist eigentlich meine, sie hat sogar zusätzliche Druckknöpfe an der Schlaufe, die man sich um den Hals legt. Denn sie war mir immer zu groß, obwohl sie ja für kleine Menschen gedacht ist. Und wenn man schon eine Schürze trägt, dann sollte sie doch die schönen Pullover schützen. Vor Keksteig und roter Soße und sonstigem Schmödder.

Heute würde ich die große Schürze tragen und Junior die kleine, aber irgendwie tragen wir sie nie, auch wenn wir zu zweit in der Küche hantieren. Ich finde Schürzen in der Küche eigentlich super, auch um sich die Hände abzuwischen – geht halt viel schneller als sie ständig zu waschen oder nach einem Küchentuch zu suchen. Aber der pragmatische Junior nimmt oft einfach die Hose, ich finde das okay.

Das letzte Mal hatte ich eine Schürze an, als ich das Beerentopping für Juniors Geburtstagstorte gemacht habe. Beeren zerkleinern ohne coole Küchenmaschine – das war mir zu heikel. Das Topping wurde super und die Schürze hat einiges abbekommen, Flecken, die man nicht auf seinen Klamotten haben will. Junior hat diese schöne Torte allerdings verschmäht, sie sah nur hübsch aus. Seitdem backe ich nur noch die einfachen Kuchen zum Geburtstag, die werden dann zumindest gegessen.

Im Spielzimmer mein E-Piano. Wo ist nur Begeisterung hin? Ich sehe mich dort sitzen und spielen und mich wundern, dass man auf einmal die Melodie erkennt. Das ist schon ein Wunder für mich, sehe ich mich doch schon lange als die unmusikalischste Person der Welt. Der Klavierlehrer aber war überrascht – ich kann Noten lesen. Das ist also hängengeblieben aus dem Musikunterricht, denn ich habe nie gelernt, ein Instrument zu spielen. Komisch, oder? Das haben doch alle, mindestens Flöte.

Meine CD-Sammlung, alphabetisch sortiert, nicht nach Genre. Denn nach Genre sortieren ist irgendwann schwierig geworden mit all den Sub-Genren und Stilmixen. Also alle in einen Topf, also ins Regal. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich da wohlfühlen, die Helden meiner Kindheit und Jugend neben den Bands, die mich durch einige harte Zeiten getragen haben.

Hier habe ich schon mal über Musik geschrieben und dass ich keinen Musikgeschmack habe. Wie soll das auch gehen – als Kind der 90er Jahre?

Aber warum eigentlich nicht? Immerhin haben sie alle etwas gemeinsam: Mich. Ich habe sie gehört, bin versunken in ihren Alben, hatte Lieblingssongs und der Repeat-Knopf war früher eine der wichtigsten Knüpfe an der Stereoanlage. Aber ich hörte auch die Werke komplett, als Komposition, als ein Arrangement, das die Künstler genau so zusammengestellt hatten. Studioalben haben eine ganz besondere Wirkung, denn immer frage ich mich: Wo ist mein eigener Höhepunkt und ist das auch der, den die Künstler vorgesehen hatten?

Aufmerksamkeit über ein ganzes Album, Texte, die ich fast oder auswendig kann – wo ist das heute noch? Heute macht mir Deezer wirklich gute Playlists, aber ich bleibe nur noch selten bei einer Band. Ausnahmen gibt es, denn zum Beispiel Haevn ist nicht nur eine Band, sondern eine Stimmung, ein Gefühl. Und für mich auch ein Tor, durch das ich gehen kann, um schöne Erinnerungen abzurufen.

Erinnerungen. Meine Wohnung erzählt Geschichten, wenn ich sie lasse. Denn es gibt sehr viel Pragmatik hier, letztlich ist es ein Ort zum Wohnen. Aber es gibt so viele Dinge hier, die erzählen, wer ich mal war – ein schöner Gedanke. Und auch tröstlich, dass ich immer noch ich bin. Ist wie mit dem Notenlesen – verinnerlicht. Manches ist abrufbar, anderes leider nicht.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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