Gedankenverloren wischt sie über den Tisch. Ein Fettfleck, sie reibt an der Stelle mit etwas mehr Druck, bis sie gegen das Licht kein Schimmern mehr sieht. Soll reichen, denkt sie, es gibt Wichtigeres. Wenn man Frühstückstische abräumt, sind da meistens Krümel, man kann sie wegwischen oder mit einem angehauchten Finger aufsammeln. Manchmal bleiben Fettflecken, vielleicht von einem Buttermesser, das auf den Tisch gerutscht ist. Man müsste den Tisch abwischen, sicher, andere Leute machen das so, ist ja auch nur ein kleiner Handgriff. Sie macht das heute nicht. Jetzt ist der Fettfleck eingearbeitet im Tisch. Und in ihrem Finger.
Eben noch hatte sie ihren Sohn angesehen, ihm zugesehen beim Frühstück, wie er konzentriert sein Tomatenbrot belegte. Sie hatte sich selbst in ihm gesehen. Nicht so sehr wegen des Tomatenbrots, sondern weil er so war wie er war – wie auch sie gewesen war, damals, vor achtundzwanzig Jahren. Sie erinnert sich nicht, aber vielleicht war es ein Tag wie heute. Einer mit einem Frühstück und einem Fettfleck. Aber was war dann? War es ein Tag unter der Woche gewesen? Oder Wochenende? In ihrem Gehirn rührt sich nichts, keine Erinnerung, nicht mal eine Annäherung.
Dieser letzte Tag, an dem noch irgendwie alles okay war. Ihr Sohn ist heute in etwa so alt wie sie selbst gewesen war. Schon sehr selbstständig, aber auch noch Kind. Zum Glück. So soll es ja auch sein. Es sind zu viele Menschen, die zu früh erwachsen werden müssen.
Wie hatte man ihr diese Nachricht überbracht? Direkt, wie ein Pflaster, das man abreißt? Oder vorsichtig, tastend, mit Hoffnung im Gepäck? Hätte sie diese Hoffnung haben wollen? Sie erinnert sich nicht. Aber sie mochte Klarheit schon immer, oder? Maximale Kontrolle in unkontrollierbaren Situationen. Dafür brauchte man alle Fakten. Also wie hatten sie ihr die Nachricht überbracht? Hatten sie sich Gedanken gemacht, wie viel Kind da noch in ihr drinsteckte? Oder waren sie davon überzeugt, dass sie eh schon zu viel mitgemacht hatte, um noch geschont zu werden?
Klarheit. Wie macht man weiter? Diese Frage würde sie sich noch oft stellen in diesem Leben. Wie soll man weitermachen, wenn einfach alles zusammenbricht? Wenn Menschen nicht mehr da sind, von einem Tag auf den anderen? Was hatte sie gemacht, damals, vor achtundzwanzig Jahren?
Erzählt man nicht diese eine Situation immer wieder? Beantwortet man nicht die „Wo warst du als Michael Jackson starb?“ oder „Wo warst du am elften September 2001?“ – Fragen? Wo warst du, als dein Vater umfiel und nie wieder aufstand? Wo warst du?, fragt sie sich. Sie weiß es nicht.
Eine Träne tropft auf den Tisch. Das ist wohl, damit sich das Tischabwischen doch noch lohnt.
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
3 Antworten
[…] Anna Koschinski: Wo warst du als…? […]
Schön! Bewegend!
„Die Erinnerungen verändern sich und wandern. Sie werden zu Geschichten, zu unseren gemeinsamen Geschichten, unserem Kosmos der menschlichen Erfahrungen, den es immer neu zu füllen gilt mit ihrer Einzigartigkeit. Deshalb ist persönliche Geschichte erzählenswert. Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben.“
Doris Dörrie in LEBEN SCHREIBEN ATMEN
Ihre Erklärung, weshalb persönliches Schreiben wichtig und richtig ist. Fiel mir gerade vor die Füße…
Jörg Walesch
Danke dir. Ja, bei dem Projekt bin ich gerade an einer ganz anderen Stelle. Das hier fiel mir tatsächlich beim Frühstück vor die Füße und dann habe ich es aufgeschrieben. Ganz ohne Schreibimpuls oder Vorbild-Text 🙂