Da sitze ich in einem meiner liebsten Lieblingscafés und schaue auf den kleinen Park und den Spielplatz. Es ist nichts los an diesem Samstagvormittag, eigentlich merkwürdig bei diesem schönen Wetter. Ich komme gerade von einem wichtigen Strategie-Termin, habe mein Angebot gemacht und die Zusage direkt mitgenommen. Ein größeres Projekt. Und ich bin stolz, wie ich das gemanagt habe. Es ist Mitte Februar 2020. Mehrere Coachings laufen, ich habe mein Jahresprogramm verkauft, jetzt der größere Text-Auftrag… Eigentlich sollte ich feiern. Na ja, immerhin habe ich Latte Macchiato und ein Stück echt leckeren Kuchen.

Wenige Wochen später schlägt mein Herz schneller, als wir die Nachricht bekommen: Kita bis auf Weiteres geschlossen. Notbetreuung? Es gibt kaum weniger systemrelevante Personen als mich. Keiner weiß, was passieren wird, ich schon mal gar nicht. Junior ist traurig, er braucht jetzt mehr Unterstützung von mir als vorher. Wir machen weiter, ich arbeite wieder mehr abends und nachts, es wird schon irgendwie gehen. Ab und zu kann Junior bei seiner Oma sein und Papa-Wochenenden gibt es auch noch. Wir schaffen das, ich schaffe das, denke ich mir, sage es mir, immer wieder.

Die Nachrichten sind voll mit Katastrophen, aber wir machen weiter. Die Ungewissheit macht mich wahnsinnig, ich spüre, wie ich von Tag zu Tag angespannter werde. Wer zur Risikogruppe gehört, isoliert sich, wenn es nur irgendwie geht. Auch meine Ma. Ab jetzt also für drei einkaufen, dafür keine Oma-Nachmittage mehr. Ich stelle wieder um, setze Prioritäten, mache weiter. Alle Termine sind jetzt online, nicht schlimm, das war schon vorher normal für mich.

Aber Junior. Die Unsicherheit ist auch bei ihm, natürlich, wie könnte es anders sein? Alle coolen Vorschul-Aktionen abgesagt, dabei wollten sie doch noch so viel machen in diesem letzten Kita-Halbjahr. Ausflüge? Abgesagt. Schul-Simulation? Abgesagt. Spielen mit Freunden? Abgesagt. Also machen wir lange Radtouren, machen die Spielplätze in der Umgebung unsicher, kochen gemeinsam, spielen, lesen. Ich habe Junior nie vor dem Fernseher geparkt und werde sicher nicht jetzt damit anfangen.

Mach einfach wieder mehr abends, sage ich mir, du schaffst das schon. Früher hast du das doch auch geschafft. Und die freien Wochenenden, die hast du doch auch noch. Weiter, einfach weiter. Aber ich schaffe eben nicht alles, hänge schon im April mit dem Zeitplan hinterher, aber nach außen sieht alles gut aus. Ich habe das im Griff, ich schaffe alles, es geht irgendwie. Das Jahresprogramm läuft überhaupt nicht, wie ich es verkauft habe, es ist mehr eine Art Schicksalsgemeinschaft, die anderen haben ja schließlich auch alle ihre Herausforderungen. Ich moderiere mehr, als dass ich anleite, auch okay. Ich mache das, was gefragt ist.

Die Anspannung wächst immer mehr, in den wenigen freien Zeiten sitze ich und schaffe zu wenig. Kreativität? Textarbeiten? Strategie? Ich schaffe doch alles, sage ich mir. Aber ich schaffe es nicht. Ich bekomme Panik, wie soll das denn nur gehen? Junior spürt sicher meinen Stress, jeden Tag gibt es neue Herausforderungen, Anforderungen, Verbote. Alles scheint durcheinander, nur wir machen weiter. Junior wird im Rückblick über diese Zeit sagen: „Wir haben es uns doch schön gemacht. Ich fand es gar nicht so schlimm.“ Und vielleicht ist das die größte Leistung, zwischen all dem, was nicht ging.

Junior erklärt mir irgendwann, dass er nicht mehr zu seinem Vater möchte, die Unsicherheit ist also vollends bei ihm angekommen. Ich nehme ihn in den Arm und hoffe, dass er nicht mitbekommt, wie sich mir der Hals zuschnürt. Ich werde es nicht schaffen. Ich weiß es und trotzdem werde ich es weiter versuchen. Und scheitern.

Der Raum, der mir zur Verfügung steht, ist innerhalb weniger Wochen auf ein Minimum geschrumpft. Und mein Körper fühlt das. Ich gehe einkaufen, joggen, mache Fahrradtouren, puzzle, spiele, lese. Und in den Pausen, wenn Junior sich allein beschäftigt oder doch mal schläft, da sitze ich da und zittere. Ich versuche, zu atmen, aber es geht nicht gut. Ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das. Der Druck ist zu groß.

Es kommt dieser Nachmittag, an dem ich in der Küche sitze und nur noch Rauschen höre. Ich schlucke, schnappe nach Luft, aber ich kann es nicht mehr runterschlucken. Ich schluchze. Und kann nicht mehr aufhören. Junior kommt rein, fragt mich, was los ist. Alles gut, alles gut, geht gleich wieder. Er ist ratlos, weiß nicht, was er tun soll, klar, wüsste ich auch nicht. Ich lächle gequält, es geht gleich wieder, ich bin nur ein bisschen traurig, das passt schon. Wir beide wissen, dass ich lüge, aber was bleibt uns anderes übrig, als weiterzumachen?

Man hört dieses Schluchzen im Haus, natürlich. Unsere Nachbarin klingelt, ich kann mich nicht bewegen, egal. Junior öffnet die Tür, ja, Mama weint, aber es ist alles in Ordnung, nein, nichts Schlimmes passiert. Reiß dich zusammen, sage ich mir, aber es hilft nichts. Gar nichts. Bis ich zu Ende geschluchzt habe.

Am Abend lache ich wieder, na klar. Junior auch. Ich schaffe das. Wir machen weiter. Aber ich werde nie vergessen, wie instabil all der Erfolg ist. Der große Text-Auftrag? Nicht geschafft. Als wollte mir das Leben kurz zeigen, wie es sein könnte, wenn… ja, wenn ich andere Prioritäten setzen würde. Wir schaffen das.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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