Ich verliere keine Dinge. Und ich verlege sie auch nicht. Es geht nichts verloren. Und niemand wird zurückgelassen. Das stimmt natürlich nicht, denn es gibt Extremfälle, in denen ich nicht funktioniere. Und dann passieren Dinge.

Eine meiner liebsten Mützen verlor ich vermutlich im Taxi auf dem Weg zu meinen Großeltern, vielleicht auch schon davor, auf einer WG-Party. Wir hatten gefeiert und getrunken, viel getrunken. Und irgendwann schaute ich auf mein Handy, da waren 5 unbeantwortete Anrufe von meiner Mutter. Ich ging raus, um die Mailbox abzuhören.

Kurz vorher hatte ich Opa noch besucht, jetzt war er tot. Auch ihn habe ich verloren. Und als ich überstürzt von der Party aufbrach, muss diese schöne Mütze irgendwo verlorengegangen sein. Ich konnte nicht mal das Taxi bezahlen, so hektisch war ich. Und ich war wieder mal alles gleichzeitig. Traurig, wütend, allein, überfordert. Vielleicht war es gut, dass ich betrunken war.

Bis heute weiß ich nicht, wo Juniors Sparbuch sich versteckt. Es lag sehr lange auf unserer Fensterbank in der Küche, ich wollte es auflösen und hatte es mir parat gelegt. Dann kam Corona und nichts war mehr normal. Mein Alltag nicht, meine Aufgaben nicht, meine Konzentration zerstückelt auf so viele kleine Dinge, auf Junior, auf allerlei Bedürfnisse von anderen Personen.

Ich glaube, das Sparbuch wanderte in eine Mappe, in der ich wichtige To-dos sammelte, aber genau weiß ich es nicht. Bis heute ist es verschwunden, vielleicht gab es diese Mappe auch nie und ich habe mir nur eingebildet, dass ich so organisiert war zu dieser Zeit. Aber falls es sie gab, bleibt natürlich die große Frage: Welche anderen wichtigen To-dos waren in der Mappe?

Der Schlüssel zu meinem Aktenschrank ging verloren, ich glaube, dass ich ihn absichtlich irgendwo an einen besonderen Ort gelegt hatte, damit Junior nicht drankommt. Aber alle strategisch sinnvollen und erprobten Stellen in unserer Wohnung wurden mehrfach abgesucht – der Schlüssel blieb verschwunden. Ich hatte darüber nachgedacht, den Schrank aufzubrechen, das hätte aber hässlich ausgesehen. Auf LinkedIn bekam ich den Tipp mit dem Lockpicking.

Also lernte ich, wie man mit Spezialwerkzeug Schlösser knackt – man weiß ja nie, wofür man das mal brauchen kann. Und na klar, um das Schloss an dem Aktenschrank zu knacken, brauchte ich keine Minute. Mittlerweile habe ich diese Fähigkeit länger nicht gebraucht und mir wurden auch keine Schlösser zum Üben zugeschickt, damals hatte ich dazu aufgerufen. Denn es ist merkwürdig befriedigend, wenn sich ein Schloss öffnet, zu dem man keinen Schlüssel hat. Eine schöne Beschäftigung, auch wenn ich nur die Basics erlernt habe.

Junior und ich verloren auch mal einen seiner Schuhe bei einem Spaziergang durch den Park. Damals saß er im Buggy und wir quatschten so vor uns hin, irgendwann merkten wir, dass einer der Schuhe nicht mehr da war. Und obwohl wir die ganze Runde mehrfach abgelaufen sind, blieb der Schuh verschwunden.

Junior gehen manchmal Dinge verloren, aber sehr selten. Er ist so wie ich, hat einen guten Überblick und achtet auf sich und seine Dinge. Zusammen sind wir ein gutes Team, wenn es darum geht, die Rätsel dieser Welt zu lösen und Dinge wiederzufinden. Und vielleicht verlieren wir nur Dinge, damit wir etwas Neues lernen. Ob das mit Menschen auch so ist, vermag ich nicht zu beurteilen.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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Ein Kommentar

  1. Immer, wenn ich mir besonders gute Plätze für Dinge ausgedacht hatte, habe ich diese Dinge sehr viel später/ zu spät wieder gefunden. Um das „zeitweise Verlieren“ zu reduzieren, bin ich wieder zum weniger ordentlichen, weniger intelligenten Ablegen zurückgekehrt. Dann muss ich beim Suchen weniger intelligent sein.

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