Gestern habe ich ein kurzes, aber interessantes Gespräch geführt. Thema: Allein erziehen und die Vorstellung davon, wenn man es (noch) nicht ist. Ein Bekannter erzählte, dass bei einem Paar in seinem Freundeskreis eine Trennung bevorstünde und dass er sich wundere, wie blauäugig die beiden sich dieses „alleinerziehend“ vorstellten. So, als würde sich kaum etwas ändern, wenn sie nur die richtigen Vorkehrungen träfen. Der Bekannte war ganz klar: Die machen sich da was vor, das ist unfassbar schwer! Und ich? Ich verstehe die Bedenken meines Bekannten, aber ich kann mir auch gut vorstellen, dass man einfach keine Vorstellung davon hat, was sich da wirklich im Alltag verändert.
Geh einmal in meinen Schuhen, dann hättest du ein Gefühl dafür, was das wirklich bedeutet… Ich finde diesen Gedanken immer noch wertvoll, denn es ist doch so: Stecken wir nicht drin in einer Situation, dann können wir versuchen, uns vorzustellen wie das wohl ist, aber letztlich sind das alles nur lahme und wenig hilfreiche Gedanken. Und das gilt nicht nur für das allein erziehen, es gilt für alles.
Bevor ich Mutter wurde, hatte ich KEINE AHNUNG, was das bedeutet. Ich kannte Menschen mit Kind oder Kindern, ich wusste, dass die andere Verpflichtungen und Aufgaben haben. Aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie sich das wirklich anfühlt, welche Herausforderungen in den kleinsten alltäglichen Akten liegen, wie unfassbar erschöpft man über weite Strecken ist und wie groß Liebe eigentlich sein kann. Nichts davon konnte ich mir auch nur annähernd vorstellen.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich vor Wut und Hilflosigkeit gegen Wände schlagen würde oder wie berauschend es ist, in Ruhe zu duschen – ohne mit gespitzten Ohren die ganze Zeit darauf zu warten, dass das Baby anfängt zu schreien. Ich hätte niemals gedacht, wie wenig Zeit für mich selbst bleibt (wenn doch selbst essen und duschen eher rekordmäßig schnell erledigt werden mussten). Nein, das alles ist unvorstellbar.
Manchmal durfte ich mein Baby oder Kleinkind zu meinen Nachbarn bringen, um dann zu duschen oder in Ruhe einen kleinen Text zu schreiben. Und mein Nachbar half zwar (ich liebe beide für immer dafür, was sie für mich getan haben), aber da war auch immer ein bisschen Unglauben, so als wäre ich doch ein bisschen selbst Schuld daran, dass ich es nicht schaffte, stressfrei zu duschen. Als dieser Mann dann selbst Vater wurde, traf ich ihn irgendwann mal im Hof. Und er sagte: Jetzt verstehe ich so gut, was du damals meintest…
Du kannst dir vielleicht vorstellen, was das für eine Genugtuung war. Das Unvorstellbare war zum eigenen Alltag geworden.
Da steckst du nicht drin
Bevor ich studiert habe, wusste ich nicht, wie sich das anfühlt. Ich kannte Geschichten, kannte Filme und Bücher und andere Menschen, die an der Uni waren. Aber wie es sein würde, wie ich meinen Alltag gestalten würde und was das mit meiner Identität machen würde, das wusste ich nicht.
Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, konnte ich nicht mal ansatzweise abschätzen, was ich dafür alles tun müsste und was ich lernen würde. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie sehr ich daran wachsen würde.
Aber das sind ja nur die großen Einschnitte – auch im Kleinen gibt es dieses Unvorstellbare. Das erste Mal Liebeskummer. Das erste Mal Sex. Oder das erste Mal verraten werden, vergessen werden, eine Freundschaft beenden. Das erste Mal für sich einstehen – trotz unvorstellbarer Konsequenzen. Das erste Mal so richtig Angst haben. Oder das erste Mal mit dem Tod in Berührung kommen. Nichts davon ist vorstellbar, egal wie viel man darüber nachgedacht oder gelesen hat.
Wie soll man sich also die Veränderungen vorstellen können, wenn man plötzlich allein erzieht?
Wie ist es eigentlich, alleinerziehend zu sein?
Möglicherweise fühlt es sich anfangs gar nicht so anders an, klar, Abläufe im Alltag mögen anders sein, Absprache funktioniert jetzt anders, Wege sind anders, Zuständigkeiten vielleicht auch. Darüber kann ich nicht viel sagen, denn ich kenne den anderen Zustand und damit auch den Wechsel vom einen zum anderen nicht. Ich kenne nur das alleine.
Und ich glaube, das Unvorstellbare, was das allein erziehen angeht, betrifft nicht die alltäglichen Routinen, sondern es betrifft das Gefühl, allein zu sein. Du kämpfst alle Kämpfe allein, du trägst allein die Verantwortung und du hast vor allem keinen Austausch. Das war das, was ich am schlimmsten fand. Es gab niemanden, der meinen Alltag teilte, niemanden, der die gleichen Erfahrungen machte, der mir sagen konnte: Du, bei mir macht er das auch. Anna, ich bin genauso fertig und ich teile deine Verzweiflung.
Es gab Austausch mit den Freunden, die als Babysitter für mich und Junior da waren, mit meiner Ma, mit den Betreuerinnen in der Kita. Aber sie alle erlebten nicht den Junior, mit dem ich mein Leben teilte. Denn seine geballte Wut, seinen Stress, seinen unbändigen Widerstand, all dieses Austesten… das braucht Vertrauen. Und daher hab ich das alles abbekommen. Ist ein Ritterschlag, ich weiß. Aber Wissen ist nicht fühlen. Und darüber reden zu können, das fehlte.
Heute ist Junior größer, er ist fantastisch und ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es ohne ihn wäre. Aber ich weiß noch, wie sich die ersten sechs Jahre anfühlten. Allein. Sehr allein. Und vielleicht ist es gut, dass sich das niemand vorstellen kann, der es nicht erlebt. Denn so können wir uns in Situationen hineinstürzen, wir können uns vorbereiten, so gut es geht, mutig sein… und im Rückblick bemerken: Es war so völlig anders, als wir es uns vorgestellt hatten.
Denn es sind unsere Schuhe. Denken wir besser an dieses Unvermögen, uns vorstellen zu können, was andere erleben und fühlen, bevor wir urteilen. Ich sag nur: Was es bedeutet, in Ruhe zu duschen, weißt du erst, wenn du ein Schreibaby hast und niemand da ist außer dir.
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