Es gibt Dinge, die ich nicht gut kann. Den Mund halten, wenn etwas ganz offensichtlich schiefläuft zum Beispiel. Oder aber wenn etwas besser ginge, würde man nur einmal ganz kurz von der Idee abrücken, etwas sei richtig und gut, weil man das schon immer so gemacht hat. Also… man könnte sagen, ich stoße anderen oft vor den Kopf. Und zwar nicht aus böser Absicht, sondern meistens nur, weil ich etwas als falsch, ungerecht oder eben scheiße gemacht ansehe und die Situation verbessern will. Ich kann nicht gut wegsehen und still sein, wenn es etwas zu tun gibt.
Das ist aber nur die eine Seite von Anna. Die andere Seite ist tatsächlich angepasst und still, immer dann, wenn ich mir denke: Die Aufregung hier lohnt grad nicht. Dann versuche ich, über Dinge hinwegzusehen, wieder andere Dinge schlucke ich runter, suche Erklärungen und Entschuldigungen.
Nun kannst du dir vielleicht vorstellen, dass dieses still bleiben nur dann funktioniert, wenn ich die Situation, die Gruppe, das Setting irgendwann hinter mir lasse. Bleibe ich aber und wiederholt sich mein Störgefühl, dann fällt es mir immer schwerer, darüber hinwegzusehen. Das ist gar nicht gut, wenn man den Frust und das Genervt-Sein lange in sich hineingefressen hat und dann merkt: Scheiße, jetzt muss ich aber doch was sagen.
„In diesem Leben wirst du keine People Pleaserin mehr“
Menschen, die mich sehr gut kennen, wissen auch von meinem inneren Ringen, von meinen Zweifeln. Ich glaube nämlich, dass ich inkompatibel zu (sehr!) vielen Menschen bin. Und das liegt zu einem großen Teil eben daran, dass ich Dinge anspreche, Details wahrnehme und nicht still bin, wenn andere Mist bauen. Das ist nicht schön, das stört den Frieden, das stößt Menschen ab, die gern alles flauschig und harmonisch haben wollen.
Aber: Still sein, stumm sein… das bringt niemanden voran. Projekte werden nicht gut, wenn man Probleme aufgrund eines überzogenen Harmoniebedürfnisses totschweigt. Teams werden nicht besser, wenn die Mitglieder, die Baustellen erkennen und benennen, sich nicht äußern. Und Strukturen bleiben gleich, wenn nicht jemand aufsteht und den Mund aufmacht.
Leider sind die, die den Mund aufmachen, nicht immer die beliebtesten Mitmenschen. Sie sind eben unangepasst, sie passen nicht so gut in die vorgefertigten Strukturen, werden belächelt oder bekämpft.
Ich bin schon aus Teams rausgemobbt worden, weil ich es gewagt hatte, Abläufe im Redaktionsalltag und Verhalten von Kolleg*innen zu kritisieren. Berufliche Partnerschaften sind zerbrochen, weil ich nicht einverstanden war mit der Aufteilung der Arbeit und dem (fehlenden!) Engagement meiner Projekt-Partner. Auch in solchen Bereichen kann ich das eine Weile schlucken, weil ich mir denke: Das wird schon irgendwann besser. Aber wenn es nicht besser wird, dann stehe ich auf.
Manchmal bleibt man dann leider selbst auf der Strecke. Das ist ungerecht und traurig. Echt. Aber vielleicht ist es unvermeidlich, wenn man es nicht aushält, sich zu verbiegen (oder verbiegen zu lassen). Wenn nie jemand was sagt, dann geht alles so weiter. Das ist doch keine Option, oder?
Dieser Beitrag ist in der 73. Blognacht entstanden. Das Impulsthema: „Still sein ist was für Anfänger“
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6 Antworten
Liebe Anna,
ja, das kenne ich so gut: wenn man die Dinge anspricht, die nicht passen, wird das nicht gerne gesehen.
Und das gibt eher eine Gegenkorrektur. Genau mein Thema. Danke für das klare Benennen.
Dennoch übe ich mich manchmal eher im Schweigen und im still sein in solchen Situationen, weil ich viel weniger
persönlich involviert bin. Nicht, weil ich feige bin, sondern weil es oft keinen Sinn macht.
Herzliche Grüße
Martina
Ich bin auch im Team „still sein ist keine Option“. Ich frage mich eher, was wohl in jemandem vorgeht, der sich von konstruktiver Kritik direkt angegriffen fühlt und ausschließlich Zustimmung oder Schweigen toleriert. Wie fragil kann jemand sein? Wie ignorant? Wie berechnend?
Für mich zeigt Kritik, wie du sie im Text beschreibst, ja gerade das Engagement für ein gemeinsames Projekt: Ein Ringen um ein optimales Ergebnis, die beste Zusammenarbeit und um faire Partnerschaft.
Liebe Grüße, Astrid
Liebe Anna,
Das ist wirklich keine Option.
Und gleichzeitig berührt mich sehr, dass du auch die „Kehrseite der Medaille“ schilderst. Dass du hinter die Kulissen blicken lässt und deutlich machst:
Nicht-leise-sein kann Fluch und Segen sein.
Es ist so bequem zu denken, dass die, die laut werden, das aus Freude machen. Dabei wird nicht deutlich, dass sie die Konsequenzen privat tragen – während öffentlich die Dinge besser werden, oder zumindest nicht unerkannt weiter sch… laufen.
Lass dich nicht unterkriegen.
Christina
Liebe Christina,
ja genau, es ist nicht einfach rücksichtlos oder weil ich es so super finde, rumzupoltern. Wenn man aber Missstände anspricht, hat man halt schnell den Titel „Meckerer“ oder „Nörgler“. Nicht schön. Aber ich glaub, es ist trotzdem besser, als alles stillschweigend zu ertragen oder in sich reinzufressen – ich könnte mir vorstellen, dass sich das dann bei den Stillen andere Wege nach Draußen sucht und schnell die falschen Adressaten findet. Daher lieber den Mund aufmachen.
Schön, dass du wieder bei der Blognacht dabei warst 🙂
Anna
Ha! Auch du hast mehr über das Stillsein als über das „für Anfänger“ geschrieben! Und was dabei rauskam, ist der Schwestertext zu meinem. Klasse!
Na ja, ich glaube schon, dass man das üben kann und sollte, das Laut-Sein. Wenn man schon immer Außenseiter war, dann ist der Zustand bekannt. Trotzdem nicht schön. Und doch gibt es für mich kaum einen schlimmeren Gedanken, als einfach alles mitzumachen. Daher lieber den Konflikt – auch wenn die Trennung schmerzt. Und hinterher zu merken: Es war aber richtig. Von daher: Still-Sein ist was für Anfänger, aber man kann es üben, das Anecken auszuhalten 🙂