Wir waren mal fünf. Damals, irgendwann in der Mittelstufe, als die Klassen aus irgendeinem Grund umstrukturiert wurden. M mochte ich anfangs nicht besonders, sie wirkte immer etwas arrogant und distanziert, nicht so euphorisch wie ich, viel kontrollierter. Es brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass ihre Arroganz nur anders aussah als meine – von außen.
Wir fünf hingen zusammen ab, streunten durch die City, ab und zu waren wir auch in der Pizzeria von Marias Eltern, echt italienisch. Und wir waren Außenseiter, wir alle. Das war wohl das, was uns verband, denn wir waren so unterschiedlich wie man nur sein kann. Vor allem aber waren wir mutig und aufmüpfig und krass, wir waren die, die aus dem Unterricht flogen, weil wir irgendwas Unangemessenes zum Erdkundelehrer gesagt hatten. Aber nach und nach wurden wir weniger, weil immer irgendwas war.
Die eine zog weg und durfte sich plötzlich nicht mehr bei uns melden. Dabei hatte ich noch gemeinsam mit ihr nach Unterstützung gesucht, sie wollte nicht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden, wollte nicht mehr, dass wichtige Dinge von ihrer autoritären Mutter entschieden wurden. Diese Freundin schuldet mir bis heute 20 Mark, ich habe sie nie wiedergesehen, nachdem sie weggezogen war. Anrufe und Briefe blieben unbeantwortet. Und es hat mich unendlich traurig gemacht, dass ich ihr nicht helfen konnte.
Zwei weitere Mitglieder unserer Gang verloren wir auf dem Weg zum Abi, es gab verschiedene Gründe, aber letztlich hat es einfach nicht gereicht. Als es dann in die Oberstufe ging und die Klassenstrukturen aufgelöst wurden, blieben wir übrig, M und ich. Denn wir hatten zwar viele unterschiedliche Kurse gewählt, aber auch einige, in denen wir uns gemeinsam langweilten. Gemeinsame Zeit schweißt zusammen, gemeinsame Dramen auch. Gemeinsame Urlaube erst recht.
Ich glaub, ich war 16, als wir zu dritt nach Gran Canaria flogen. Wir hatten gespart, alles geplant bis ins Detail, nur Tanzen, Trinken, Strand und ganz viel Sonne. Und Flirts und unerwartete Treffen, es gab erste Male, aber nicht für mich. Ich tanzte in den Clubs, die ja eher große, offene Bars mit einer Art Podest als Tanzfläche waren. Es war die Zeit von Las Ketchup, von Black Music, von bauchfrei. Und ich tanzte, obwohl das nicht meine Musik war. Es war Sommer.
M und ich blieben verbunden, wir ergänzten uns, hatten beide unsere Probleme zuhause, mit der Schule, mit der Liebe. Aber sie war erfolgreicher in allem, weil ich in dieser Zeit beschlossen hatte, auf die Welt zu scheißen, es lohnte sich alles eh nicht, wofür sollte man überhaupt noch Abitur machen? Wir verbrannten am Schuljahresende die Hefte mit den Klassenarbeiten und als unsere Freundin nach der 11. Klasse vom Auslandsjahr zurückkam, rauchten wir Zigarre.
Wir gingen aus, verbrachten Wochenenden mit Vorglühen und Disko-Besuchen und Erholung. Wir rauchten und tranken Wodka-O und Wodka-Lemon, es gab auch mal Gras, aber das habe ich mir schnell abgeschminkt, denn es brauchte nicht viel und mein Kreislauf klappte zusammen. Also lieber berauscht vom Alkohol, oft zu viel.
Oft tingerten wir durch die Kneipen, M und ich und auch mal andere. Nach außen blieb M kühl und arrogant, aber ich wusste, sie konnte auch anders. Und vielleicht regulierte sie mein zu viel, meine Sucht nach Extremen und Aufmerksamkeit. M war merkwürdig gespalten, teils unangepasst und progressiv, dann wieder stockkonservativ, vor allem in ihren romantischen Beziehungen. Das verstand ich oft nicht, aber vielleicht ist das auch nicht wichtig, wenn man gemeinsam die Schwierigkeiten meistert, die zwischen Mittelstufe und Studium liegen.
Wir machten gemeinsam Urlaub, mehrfach, immer wieder. Sie war in meinen Cliquen und ich in ihrer. Wir machten den Führerschein gemeinsam, waren nächtelang unterwegs, brachen in Freibäder ein, machten Bekanntschaften für einen Abend und für mehrere, arbeiteten zusammen, wohnten sogar eine Weile zusammen.
M war da, als mein 17. Geburtstag so fürchterlich in die Hose ging, als ich Angst hatte, Panik vielleicht, dass jemand etwas für mich entscheidet, was ich nicht möchte. Und sie betäubte die Angst mit mir. Sie war auch da, als ich nicht mehr wusste, wer ich bin, als ich mein Abi schmeißen wollte, als ich keine Idee mehr hatte, was eigentlich wichtig ist.
Und erst als wir beide studierten und das mit den großen Krisen bei mir nicht aufhören wollte, verliefen wir uns. M ging für ihr Masterstudium weg und ohne die Nähe und das Gemeinsame bekam die Verbindung Knackse. Ich bin froh, dass es M war, die mit mir gemeinsam übriggeblieben ist.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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