Es ist so einer von diesen Abenden, an denen ich immer wieder auf die Uhr schaue. Denn ich habe eine Verabredung, eine Verabredung zum Telefonieren. Und der Mann, mit dem ich sprechen will, wird mich sicher pünktlich auf die Minute anrufen, das gehört schließlich zum Spiel. Wir telefonieren stundenlang, mal zwei Stunden, mal vier. Es ist, als müssten wir alle Zeit nutzen, die wir haben, so kostbar sind sie, diese gemeinsamen Gespräche.

Wir erzählen uns unsere Geschichten, dröseln verfahrene Situationen auf, teilen Fragen und Antworten und Ideen. Immer werden wir rüde unterbrochen, nach zwei Stunden, wenn unsere Telefonanbieter die Leitung kappen. Abhalten kann uns das selten, es sagt nur, wie lange wir schon verbunden sind, denn das bemerken wir manchmal gar nicht.

Diese Abende sind nie spontan, sie sind hart verteidigt gegen alle möglichen widrigen Begebenheiten. Und sie sind so sehnsuchtsvoll erwartet, dass es zu diesen Terminen keine Rolle spielt, ob wir am nächsten Tag müde sind. Oft ist es mitten in der Nacht, wenn wir uns verabschieden.

Dieses Telefonieren kenne ich auch aus der Vergangenheit, ab dem Zeitpunkt, als es Flatrates gab – und schnurlose Telefone. Mit meinen Freundinnen telefoniere ich auch stundenlang, schaue und kommentiere mit ihnen am Ohr das Geschehen auf MTV, versuche, mich durch die verworrenen Herausforderungen der Pubertät zu erzählen. Denn um das zu schaffen, habe ich nur das Schreiben, das Malen und meine Freundinnen.

Es gibt auch Bekanntschaften, die nur diese eine Kommunikationsform kennen. Eine Weile telefoniere ich mit einem Mann, der meine wuseligen Ideen und meine Begeisterung für klassische Literatur teilt. Wir sprechen ganze Abende lang, er erzählt mir von großen Konzerthäusern, in denen er Opern schaut und vor allem hört. Ich sage, ich war noch nie in einer Oper, ich habe auch kein positives Bild davon. Er sagt, dann müsse ich ins Wiener Opernhaus gehen, wir könnten uns ja zusammen etwas anschauen.

Dazu ist es aber nie gekommen, denn die einzige Begegnung, die wir hatten, fiel kurz aus. Manchmal ist das ja so, dass Kontakt auf einer bestimmten Ebene funktioniert, aber wechselt man die Ebene, passt auf einmal nichts mehr. Das stockt nicht nur, das ist unangenehm für alle Beteiligten. Jedenfalls nicht so, dass man gemeinsam in die Oper gehen möchte. So habe ich das leider verpasst, vielleicht kann ich es in der passenden Begleitung nachholen, wer weiß.

Manchmal denke ich auch, es bräuchte eine Rückkehr zum „richtigen“ Telefon. Die ständige Verfügbarkeit durch Handys macht Telefonieren zu einer lästigen Sache. Man freut sich selten über Anrufe, denn meistens hat man sich ja nicht verabredet, so wie ich das gemacht habe. Und vielleicht ist Telefonieren auch zu einer Selbstverständlichkeit geworden und damit langweilig? Immerhin gibt es keine Kämpfe mehr um die Leitung, so wie das früher war.

Erst musste ich immer fragen, ob ich telefonieren könnte oder ob noch jemand in der Familie einen wichtigen Anruf erwarte? Später gab es den Kampf zwischen Internet und Telefonieren, alles war dosiert, wertvoll, umkämpft. Dabei kann Telefonieren doch auch etwas Zauberhaftes sein, ein Event. Oder etwas, für das man sich auf den Weg machen musste.

So war das früher immer, wenn wir in den Urlaub gefahren sind, im Ferienhaus gab es kein Telefon. Wenn wir ankamen, musste also jemand zur Telefonzelle laufen und bei der Familie, die zuhause geblieben war, Bescheid sagen: Wir sind gut angekommen. Bis in drei Wochen. Man musste darauf achten, dass man genug Kleingeld mitnimmt oder später eine aufgeladene Telefonkarte. Es war nicht leicht, es war eine Aufgabe. Und das Gespräch war die Belohnung.

Wie ganz früher. Das Telefon, das im Flur bei meiner Oma stand, war grün. Und es hatte eine Wählscheibe, ja wirklich, so alt bin ich dann doch. Sie telefonierte nicht oft, jedenfalls nicht, während ich bei ihr war, aber wenn sie es tat, dann durfte ich wählen. Immer bis zum Ende drehen und dann wieder loslassen. Und es war immer eine große Freude, wenn dann auch jemand dran war am anderen Ende. Nicht mal ansatzweise selbstverständlich.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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