Ich gab das Rauchen auf, als ich 21 war. Ich war unterwegs zur Straßenbahn und ich dachte plötzlich: Okay, das war’s. Ich hör auf. An der Haltestelle angekommen verschenkte ich die Packung Zigaretten an die erstbeste Person, die dort stand und rauchte. Seitdem habe ich nie wieder geraucht. Die sieben Jahre, in denen ich Rauchen cool fand, kann ich heute für mich gut einsortieren. Aber ich brauche es nicht mehr.

Als ich 14 war, war Rauchen nämlich cool. Gefühlt hatten alle schon mal an einer Kippe gezogen, nur ich nicht. Und dann gab es eine Party bei Melanie, wir hingen rum, tranken Bier und zwischendurch streunten wir durch die nahen Parks und saßen auf den kleinen Straßen der Wohnsiedlung, auf denen keine Autos mehr unterwegs waren um diese Zeit.

Ich wollte es, weil es alle machten, ich wusste nur nicht wie. Genau wie ich immer rotzen können wollte, es aber nie geschafft habe. Bei mir kommt keine Rotze hoch, die ich ausspucken könnte, egal wie sehr ich das versuche. Oder das Pfeifen auf zwei (oder vier) Fingern – kann ich nicht, obwohl es schon sehr viele Menschen gab, die mir das beizubringen versuchten.

Also das Rauchen. Mir wurde erklärt, ich solle ziehen und dann quasi erschrecken: „Hhhhhhh! Mama kommt!“. Ich hustete und fand es absolut widerlich, es blieb an diesem Abend bei dem einen Zug. Und dann wollte ich es können. Völlig absurd, aber so war es. Und ich rauchte sieben Jahre lang, bis zu diesem Tag, als ich unterwegs zur Stadtbahn war. Ich kann das nicht empfehlen, es gibt bessere Wege, wenn man dazugehören will. Aber für mich damals nicht.

Es gab eine Zeit, da liebte ich das Exzessive. Ich liebte es, betrunken zu sein, nicht so richtig ich zu sein. Und ich habe es oft übertrieben. Klar, ich hatte auch das passende Umfeld dafür und auch den perfekten familiären Hintergrund. Alkohol war normal. Lange Zeit war er für mich auch normal. Abende ohne waren merkwürdig.

Wenn ich Alkohol getrunken habe, konnte ich einigen inneren Zuständen Ausdruck verleihen, die ich sonst zurückhielt – zu gefährlich. Ich konnte Dinge tun, die nicht kontrolliert waren, teilweise völlig drüber. Ich war cool und ich spielte eine Rolle, die ein bisschen von dem Ich war, das nur ich kannte.

Seit 2019 trinke ich keinen Alkohol mehr, gar nicht. Und mir fehlt nichts. Es ist nur immer wieder ein Kampf, anderen zu erklären, dass ich nichts trinke. „Immer noch nicht?!“, fragen sie dann, weil sie glauben, dass sich dieser Verzicht nur auf die Fastenzeit bezogen hatte. Ja, immer noch nicht. Ich habe den Eindruck, dass es langsam, ganz langsam normal wird, nicht zu trinken. Ein guter Prozess. Denn ich will gar nicht wissen, wie viele Gehirnzellen ich gekillt habe in meiner exzessiven Zeit.

Als ich anfing, über diesen Schreibimpuls nachzudenken, wollte ich noch erzählen, wie schmerzlich dieses Alkoholthema ist, wenn ich nicht nur über mich schreibe. Und jetzt weiß ich: Es ist gar nicht nötig. Ich kann nur sagen: Alkohol zerstört Leben. Nicht nur das von denen, die krank davon werden. Sondern auch von allen, die dabei zuschauen (müssen).


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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8 Antworten

  1. Rauchen war für mich früher „dabei sein“, leicht rebellisch, und mit Ausgang am Wochenende verknüpft. Ich fing früh an und hörte im Alter 20-25 damit auf, da ich keinen Bedarf danach mehr hatte.
    Eine Sucht war es nie.
    Alkohol habe ich vor 2 Jahren aufgegeben. Nie mehr als 2- 3 Glas Wein beim Abendessen, dies jedoch täglich. Auch hier spürte ich irgendwann: jetzt ist das Verlangen nach „Entspannung“ am Abend durch Alkohol verflossen. In der erweiterten Familie haben sich Personen zu Tode getrunken. Weiss ich nur vom Hörensagen. Zum Glück sind alkoholfreies Bier und Mocktails im Trend = da muss ich nicht immer nur Wasser trinken.

    • Danke, dass du das hier teilst. Ja, dazugehören, bei den coolen Leuten rumhängen, all das. Aber ich hab es dann auch perfektioniert, wirklich viel geraucht, bestimmt ne Schachtel am Tag. Und letztlich ja dann doch fast 7 Jahre lang. Aber irgendwann war es dann nicht mehr cool, nicht mehr gut, nicht mehr für mich. Und das mit dem Alkohol… zu Tode getrunken… kein so leichtes Thema. Er macht einfach extrem viel kaputt und daher finde ich, dass er nicht so verharmlost werden sollte. Es sollte nicht so normal sein. Und das „täglich“ finde ich schon problematisch, auch das „Runterkommen“ und die genannte „Entspannung“. Nein, dann lieber lassen. Klar ist unser Gehirn eh viel, viel cooler!

  2. Es war schwer für mich, das Rauchen aufzugeben. Aber ich tat es, von einem Tag auf den anderen. Mit fast 50 rauchte ich entschieden zu viele Zigaretten, mal sogar auch noch Pfeife. Dann musste ich ins Krankenhaus. Der Verdacht eines Herzinfarktes bestätigte sich nicht. Der Schock war heilsam. Seit diesem Tag habe ich keine Zigarette mehr angefasst. Wenn ich jetzt, mit Anfang 70, daran denke, bin ich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Es war leichter, als ich gedacht habe. Viel schwerer fällt es mir, auf Essen und Trinken zu verzichten. Ich hatte 25 Kilo abgenommen, das neue Gewicht einige Jahre gehalten und nun bin ich leider wieder dabei, gewichtsmäßig an alte Zeiten aufzuschließen. Alkohol trinke ich viel weniger als früher und auch das hat mit gesundheitlichen Gründen zu tun. Ganz verzichten kann ich aber nicht. Hinter mir liegen Zeiten, in denen ich monatelang kein Bier und keinen Wein angerührt habe. Stärkeres war ohnehin nie mein Ding. Wenn man sich doch bloß früh genug bewusst machen könnte, wie schädlich das Übermaß ist. Man würde sich viel ersparen.

    • Ich denke, es ist uns bewusst – auch schon früh. Aber wir denken immer, wir werden die sein, die keine Probleme bekommen. Wir sind die Helmut Schmidts, die ihr Leben lang Kette rauchen und nix passiert. Dass es schädlich ist, betrifft nur die anderen. Und das denken wir so lange, bis was passiert. Völlig verrückt, aber eben auch völlig menschlich. Danke, dass du deine Geschichte hier teilst, vielleicht liest es jemand und erkennt, dass Aufhören ne gute Idee ist. Essen und Trinken hat ja auch extrem viel mit Gewohnheit zu tun, da sind Änderungen nicht leicht. 25 Kilo abzunehmen, ist eine krasse Leistung! Und klar, je älter wir werden, umso schwieriger wirds – vielleicht kannst du den Trend trotzdem noch aufhalten oder umkehren.

  3. Sehr gut geschrieben. Ich kann Vieles von dem was du sagst nachvollziehen. Ich bin jetzt seit 2021 nüchtern. Ich war funktionaler Trinker. Jeden Tag ganz normal in die Arbeit und Familienbusiness und abends wenn dann alle im Bett waren ordentlich die Kante geben,- immer mit Bier und Wein. Nie mit Schnaps oder so. Schnaps konnte ich nicht kontrollieren. Es gab dann einen Kreislauf mit Depression. Depressionsschub und betäuben mit Alk. Um hinterher noch depressiver zu werden. Das war nicht so geschickt. Im April 2021 kam mein 2. Enkel zur Welt. Das war für mich dann das Initial zu entscheiden wie ich weiter leben will. Einen Monat nach der Geburt des Enkels habe ich mit dem trinken aufgehört. Gleichzeitig habe ich mich (wieder) um eine Psychotherapie gekümmert. Natürlich habe ich meinem Therapeuten nix vom Alkoholkonsum erzählt. Nach einem Jahr wurden meine Depressionsphasen immer weniger. Es war lustig zu sehen wie die Umwelt auf mein Nichttrinken reagierten. Keiner hat mich genervt, manchmal gab es vorsichtige Nachfragen und scheinbar war es für Einige peinlich in meiner Gegenwart Alkohol zu konsumieren. Das finde ich manchmal lustig. Es pendelt sich im Lauf der Zeit ein. Ach und das mit den Hirnzellen: Die gehen durch Alkohol nicht kaputt, die Verbindungen dazwischen werden gestört. Das ist aber auch kein dauerhaftes Thema.

    • Danke, dass du das hier teilst und richtig toll, dass du dir Hilfe gesucht und den Ausstieg geschafft hast. Ich habe nie allein getrunken, sondern nur beim Feiern und Vorglühen, so richtig wild war es eigentlich nur in meiner Jugend. Aber ich sehe anderen dabei zu, wie sie für sich merkwürdige Regeln aufstellen. „Ich bin nicht abhängig, ich trinke ja nicht täglich“, heißt es dann, weil sie mittwochs mal ausnahmsweise kein Bier trinken. Ich habe mich halt irgendwann gefragt, ob dieses gesellige Beisammensein wirklich nur mit Alkohol möglich ist – viele scheinen das so zu sehen, „es gehört halt dazu“. Und dann bin ich ausgestiegen. Und zu den Hirnzellen: Ich habe ja mit 15 oder so angefangen, da war mein Gehirn noch im Aufbau. Ich denke schon, dass das alles nicht sonderlich geschickt war, aber die genauen Auswirkungen lassen sich natürlich nicht mehr rekonstruieren…

  4. Schön, dass Du diese Süchte abgelegt hast. Hier: Rauchen war „in“ als ich so 9 oder 10 Jahre alt war. Das habe ich aber schnell wieder sein lassen, vor allem da ich einen Vater hatte der 2 Schachteln am Tag rauchte und gleichzeitig immer predigte dass wir so arm wären, dass es für meine Wünsche nach Spielzeug nicht reicht.
    Alkohol, war bei mir letztes Jahrtausend. Ein paar derbe Episoden mit zum Teil Filmriss. Als ich dann Anfang 2000 erfuhr, dass ich Vater werde habe ich für mich beschlossen, dass es das jetzt war mit dem Alkohol. Meine Kinder sollen mich niemals „besoffen“ sehen oder schlimmeres. Und mir geht es nach diesen bald 26 Jahren ohne Alkohol ausgezeichnet, mir fehlt absolut nix. Das einzige sind die merkwürdigen Blicke wenn man beim Firmen-Abendessen sagt man will nur alkoholfreie Getränke, keinen Verdauungsschnaps etc. Aber das halte ich aus.
    Und ja, das Zeug vernichtet Leben. Mein Vater starb an der Kombination dessen was Alkohol (er trank auch gerne sein Bier) und Nikotin angerichtet habe, mein älterer Bruder tat es ihm ein paar Wochen vor seinem 65. Geburtstag gleich. 2 Leben in der Familie zerstört von Alkohol und Nikotin, und da sind nicht mal die Sorgen meiner Mutter oder die Auswirkungen auf den Sohn meines Bruders berücksichtigt.
    Ich bin froh, dass ich mich gegen diese gesellschaftsfähigen Drogen entschieden habe und kann mir gar nicht mehr vorstellen, warum ich überhaupt Alkohol trinken sollte oder gar rauchen. Was hätte ich davon?

    • Ja genau, was hätte ich davon – außer schlechten Schlaf und nen miesen Folgetag. Und Filmriss kenne ich auch noch von früher, finde ich heute echt schwierig, da war ich an manchen Abenden völlig maßlos. Es sind aber einfach zu viele, die das für normal halten. Und die glauben, Feiern ginge nur mit Alkohol. Es ist schon verrückt. Und es gibt jetzt einige Aktivitäten, zu denen ich einfach nicht mehr mitgenommen werde. Es ist eine wechselseitige Sache, denn ich finde es tatsächlich unangenehm, wenn irgendwann alle voll sind und nur noch Quatsch daherreden. Und sie finden mich langweilig, weil ich eben einen klaren Kopf behalte und die Flachwitze und obszönen Sprüche nicht lustig finde. Es ist kompliziert… Es ist schon auch ein Einflussfaktor, welchen Umgang mit Alkohol du lernst. Und da ist es bei uns beiden wohl gut ausgegangen, dass wir den Absprung gut geschafft haben.

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