Keine Ahnung, wann mir das klar wurde, aber gefühlt wusste ich schon immer, dass Menschen nicht ewig da sind. Mein Opa hatte eine Mutter, meine Oma nicht. Ist doch klar, dass so etwas auffällt. Und wo waren die Väter? Man musste sich das fragen. Bei uns in der Wohnung stand ein Bild von „Omma Minna“, meine Mutter hatte sie sehr verehrt. Sie war aber nicht mehr da. Und sie fehlte wohl sehr.
Meine Tante starb, meine Großtante auch, der beste Freund meiner Mutter starb. Sie waren mir alle nicht sehr nah gewesen, aber ich hatte Bilder und Stimmen und Szenen zu diesen Menschen. Und ich konnte in den Gesichtern der anderen sehen, dass sie noch viel mehr hatten. Viel mehr Gefühle, viel mehr Bilder und Geschichten. Und ich verstand, dass diese Lücken im eigenen Leben schmerzlich sind. Man sprach nicht viel darüber, aber es war zu spüren.
Der Vater einer guten Freundin erhängte sich, da waren wir in der Grundschule. Auch darüber wurde nicht gesprochen. Die Freundin zog weg, ich habe nur noch ein paar Fotos von uns, ein Ausflug im Kindergarten, der aufregende Übernachtungsabend, ich in meinem Lieblingsschlafanzug. Und ein Bild aus der ersten Klasse, in der Grundschule saßen wir nebeneinander, bis sie plötzlich weg war.
Ich will mir nicht vorstellen, wie verstört sie war, wie ängstlich und misstrauisch sie dadurch geworden ist. Denn die Erkenntnis, dass alles, worauf du gebaut hast, einfach weg sein kann, ist so furchteinflößend, dass du glaubst, nie wieder vertrauen zu können. Ich weiß das, kenne auch die Angst, jemand könnte weggehen, sterben, sich etwas antun. Nichts ist gewiss, wenn du ständig fürchten musst, auch in deinem eigenen Leben könnte eine Lücke entstehen. Und wenn es dann passiert, bist du trotzdem nicht vorbereitet.
Ich habe keine Fotos von meinem Vater aufgestellt oder aufgehängt, er ist in den Fotoalben und Fotokisten, schon lange. Am Anfang, damals, da habe ich Bilder gesammelt, die schönsten und stärksten, die ich finden konnte. Die, auf denen er seine gemütliche Jacke anhatte und seine Schlappen. Schon komisch, woran man sich erinnern will, wenn nichts mehr da ist. Und was man nicht wissen will.
Ich wollte nichts wissen von all dem Schlechten, das er getan hatte. Ich duldete keine bösen Worte darüber, wer er gewesen war – auch. Denn für mich war er der Vater, der mit uns abends durch unsere Zimmer getobt war und der jeden Tag seinen Mittagsschlaf gemacht hatte. Alles andere war unwichtig geworden. Ich habe nichts behalten, nur die Wilhelm-Busch-Gesamtausgabe und den Ohrensessel, den er vom Sperrmüll geholt hatte.
Auch Junior wächst mit einer Lücke auf. Er hat drei Großeltern, nicht vier. Das fällt auf, da muss man nachfragen. Aber sie haben sich verpasst – um 16 Jahre. Eine ganz schön große Lücke.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
Keine Kommentare bislang