„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell“, schreibt Doris Dörrie in ihrer Einladung zum Schreiben. Und ich weiß genau, was sie meint. Wir glauben, es sei anmaßend, unsere banalen Gedanken aufzuschreiben, haben Angst, uns dadurch verletzbar zu machen. Was soll ich schon groß schreiben? Ich erlebe doch nichts von Belang! Ich bin doch niemand, was soll ich denn da erzählen?
Dabei sind wir alle Geschichtenerzähler. Das habe ich auch in meinem Buch geschrieben. Dieses Buch, das nicht fertig wird und auf das alle warten. Dafür sollte ich mich schämen, ich habe mich übernommen und dann Angst vor meiner eigenen Idee bekommen. Aber das bedeutet ja nicht, dass das Erzählen falsch ist. Oder das Schreiben. Im Gegenteil. Im Schreiben entdecken wir die Welt, wir atmen sie ein, schreibt Doris Dörrie, das Schöne wie das Hässliche.
Unsere Sicht auf die Welt ist einzigartig, niemand sieht sie so wie wir, niemand hat die gleichen Assoziationen, Erinnerungen, Ideen, Meinungen – und Worte. Aber glaube ich von mir, dass ich nichts zu geben habe, nichts zu berichten, dann kann ich nicht schreiben.
Fragst du mich, was ich erlebt habe und wie mein Tag war, dann habe ich auch manchmal dieses Gefühl von Belanglosigkeit. Aber selten. Denn ich weiß ja, wie sehr ich selbst mich erfreue an kleinen Geschichten, Bildern und Worten.
Es ist gefährlich, wirklich ich zu sein
„Es ist gefährlich, wirklich ich zu sein, das spüre ich beim Schreiben“, sagt eine meiner Mentees im Coaching und ich fühle das. Wie oft war ich schon an dieser Stelle? Keine Ahnung. Und doch komme ich immer wieder zum gleichen Ergebnis: Es ist vielleicht gefährlich, aber es ist die einzige Art, etwas Bedeutsames zu schreiben.
„Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst.“ – mit diesem Gedanken beginnt das Buch, das ich jetzt Kapitel für Kapitel lese. Und das stimmt. Es sind unsere Worte und wir denken sie, bevor wir sie für die Welt erlebbar machen.
Geben wir diese Gedanken nun in die Welt, kommt dieses blöde Relevanz-Persönlichkeits-Scham-Problem. Dann kommt die Gefahr. Denn hey, keiner von uns ist der Nabel der Welt. Wen soll mein kleines Leben denn schon interessieren?
Und was ist, wenn jemand merkt, wie unperfekt, tollpatschig und gemein ich manchmal bin? Wenn Menschen sich ein Bild von mir machen, von der hässlichen Seite der Persönlichkeit Anna? Von all meinen Unzulänglichkeiten und Banalitäten? Das könnte gefährlich sein, stimmt.
Autoren werden ja gern mal gefragt, wie viel von ihnen selbst in ihren Texten steckt. Ganz viel – egal wie weit weg vom Alltag die Geschichten spielen. Es ist unsere Fantasie, wir haben das gedacht, auf der Basis unserer Erfahrungen und der Bilder und Wörter in unseren Köpfen.
Was wäre wenn…?
Aber was, wenn gerade diese Ecken und Kanten, diese „gefährlichen“ Erinnerungen und die Angst jemanden berühren? Wenn gerade vermeintliche Schwächen die größte Resonanz erzeugen, weil sich jemand denkt: Wow, endlich schreibt das mal jemand!
Dann lohnt sich die Gefahr doch, oder? Dann erzeugt die Gefahr vielleicht die stärksten Verbindungen. Und in der starken Verbindung ist die Scham vielleicht nicht mehr das Problem?
Ich frage mich: Was verpassen wir, wenn wir nicht schreiben? Wenn wir aus Scham und aus Angst keine Gesprächsangebote machen, keine Geschichten erzählen? Wir haben ja alle diese dunkle Seite, aber eben auch eine helle. Und ohne das Relevanz-Persönlichkeits-Scham-Problem würden wir vielleicht noch ganz andere Seiten an uns und unseren Mitmenschen entdecken.
Ich schreibe. Unzulänglich. Aber vielleicht auch inspirierend. Wer weiß das schon im Vorfeld?
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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