Als wir klein waren, liebten mein Bruder und ich es sehr, grandiose Spiele, ja ganze Theateraufführungen in unserem Badezimmer zu veranstalten. Wir hatten zwei Waschbecken und beide waren oft bis zum Rand gefüllt, denn wir liebten es, zu püttkern.

Ich habe keine Ahnung, ob man das so schreibt, aber dieses Spielen mit Wasser, mit verschiedenen Formen und Figuren, einkippen, auskippen, mit einem Strohhalm hineinpusten und Blasen oder kleine Fontänen zu erzeugen, das hieß bei uns püttkern. Vermutlich was Westfälisches, das wir übernommen oder abgewandelt haben. Denn bei uns zuhause wurde ein Mix aus Kölsch und Westfälisch gesprochen. Wenn man mich erzählen lässt, hört man es noch an der ein oder anderen Stelle und das finde ich ganz wunderbar.

Wenn mein Vater Witze auf Kölsch erzählte, verstand ich kein Wort. Und trotzdem war es lustig (oder gerade deswegen?). Er erzählte Witze von Tünnes und Schäl, es klang immer ganz wunderbar und alle hatten Spaß daran. Ich glaube, dass mir die Witze irgendwann übersetzt wurden, aber dann waren sie nicht mehr die gleichen.

Überhaupt ist das mit dem Witze-Erzählen so eine Sache. Früher fand ich Witze toll, heute höre ich selten einen, den ich lustig finde. Vielleicht bin ich selbst nicht mehr so lustig. Oder aber es ist diese Verurteilung von allem, das nicht politisch korrekt ist. Auf einmal ist so vieles, das ich früher lustig fand, rassistisch und sexistisch – wirklich witzig zu sein, ist möglicherweise schwieriger als früher.

Na ja, jedenfalls ist mein Sprachmix nicht so außergewöhnlich, nur wenn sich ein paar westfälische Begriffe einschleichen, dann fragen Menschen nach. Wenn ich mit meinen Mädels auf Schlür gehe oder wenn ich dem Postboten im Pölter die Tür öffne. Oder wenn wir dröseln.

Dröseln kennt man ja vielleicht von aufdröseln, etwas entwirren, klar darstellen, Informationen ordnen und in die richtige Reihenfolge bringen, sowas. Aber unser dröseln ist etwas anderes: Es bedeutet, freie Zeit zu haben und sie unverplant zu füllen mit dem, was man gerade möchte.

Andere fänden das vielleicht total langweilig, kein Programm, keine Action und so. Aber wir lieben das. Jeder macht was für sich und zwischendurch machen wir auch mal was zusammen, aber was genau, das bestimmt nur die aktuelle Laune. Sich treiben lassen, alle Termine und Hektik außen vor lassen… und die große Freiheit, zu tun, worauf man gerade Lust hat.

Das lehrt übrigens auch, zu spüren, worauf man gerade Lust hat. Denn was wir in unserer Drösel-Zeit nicht machen, ist, uns vor Bildschirmen mit Quatsch berieseln zu lassen. Heilsam. Und ich glaube, es ist gut, dafür einen Begriff zu haben. So kann man sich besser Zeit freihalten für genau diese Un-Tätigkeit. Wenn Junior und ich unsere Listen machen, was noch getan werden muss und was noch getan werden soll, dann steht Dröseln immer mit drauf. Nicht dass wir das vergessen, weil wir so dumm waren, zu viele Pläne zu machen.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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2 Antworten

  1. Liebe Anna,
    dein püttkern heißt im Allgäu pritschln. Schon interessant, beides beginnt mit demselben Buchstaben und ich weiß auch nicht, wie man das genau schreibt, mit oder ohne „ie“.
    Gewisse Allgäuer Ausdrücke in meinem Sprachgebrauch lassen sich nur schwer übersetzen, ohne ihre gefühlte Bedeutung zu verlieren.
    Wie schön doch unsere Heimatsprache ist!
    Pfiati Gott
    Margaretha

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