Als sie nach Düsseldorf fahren, hat sich ihr Unwohlsein gelegt, ein bisschen jedenfalls. Weil er neben ihr ist. Alles an ihm sagt, dass es gut ist. Gut, dass sie da ist. Gut, dass sie ja gesagt hat. Und uh, dieses Kleid… Sie hat sich Mühe gegeben. Das Kleid ist zwar schlicht, aber zusammen mit den Pumps definitiv einen Blick wert. Für eine Hochzeit im Sommer muss es nicht mehr sein. Wenn sie hier doch nur irgendjemanden kennen würde, denkt sie, dann wäre es vielleicht leichter. Aber nein, sie ist die plus eins, an deren Namen sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnern wird.
Der offizielle Teil ist geschafft, jetzt nur noch die Feier. Essen trinken, reden, tanzen. Sie checken im Hotel ein, nur ein paar Meter von der Location entfernt. Im Zimmer ist es angenehm kühl, wie sie das wohl gemacht haben? Wir haben noch Zeit, sagt er, und sieht sie auf diese Art an, die sie so sehr mag. Es gibt kein Wort dafür, es ist dieses Ja auf allen Ebenen. Später wird sie sich fragen, warum das nicht gereicht hat und es wird ihr leidtun. Aber nicht jetzt, denn jetzt ist noch Zeit. Zeit, in der man keine Fragen und Klamotten braucht.
Sei meine plus eins, hatte er gesagt. Wenn du niemanden kennst, dann lernst du sie halt kennen. Sie dachte nur an die Hochzeitsfotos und daran, dass sie sich doch erst so kurz kannten. Wer war sie schon, dass sie dort für immer auf den Bildern sein sollte, wenn man sie nicht raus-fotoshoppen wollte. Sie war nicht mal Mitte Zwanzig, wer konnte da wissen, wie lange Beziehungen halten? Waren sie zu zweit, waren sie im Flow. Wie in einem Kokon, die unterschiedlichen Leben völlig egal. Aber in Gesellschaft… Einer von ihnen war immer die plus eins.
Beim Empfang stoßen sie an, sie sehen gut aus zusammen, die Unterschiede fallen nur auf, wenn man genau hinschaut. Der Altersunterschied, die Variationen in der Sprache, sie lachen nicht über die gleichen Witze. Vielleicht wird das ja noch, denken sie. An diesem Abend himmeln sie sich an. Die Unterschiede wollen sie nicht sehen, warum auch? Sie ist die plus eins und sie sieht gut aus an seiner Seite.
Das Beste an Hochzeiten ist das Essen, findet sie, vor allem auf Hochzeiten wie diesen. Gespart wurde hier an keiner Stelle, die Location direkt am Rhein, der Empfang stilvoll, das Essen großartig. Sie hat nichts zu tun außer gut aussehen und Small Talk, und das kann sie. Warum sie noch studiere, fragt man sie, richtig, nicht nur er ist zehn Jahre älter, sondern alle hier. Ob sie zusammenziehen wollten, eine Fernbeziehung sei doch anstrengend auf Dauer… Klar, irgendwann mal. Eben, im Hotel, da war noch Zeit, aber nicht hier. Hier werden Pläne für die Zukunft gemacht. Ist ja schließlich ne Hochzeit, da dürfe man ja wohl fragen, auch wenn sie nicht den Brautstrauß gefangen hatte.
Später am Abend sitzt sie mit ihrer Weinschorle draußen am Steg, ja, es ist wirklich schön hier. Aber sie weiß: Das ist nicht ihre Zukunft. Nicht die Romantik, nicht die Location, nicht die Preisklasse. Nicht die Hochzeit. Nein, Hochzeiten dürfen andere feiern. Sie bleibt vielleicht die plus eins, auf der manchmal der alles-ist-möglich-Blick liegt. In solchen Momenten braucht es keine Worte und Klamotten. Aber so kommt man eben nicht durchs Leben. Sie glaubt es nur eine Weile, das darf man ja auch mit Mitte Zwanzig.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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