Dieser große Tisch. Unser Tisch. Es war immer genug Platz, auch wenn wir spontan unsere Freunde zum Essen einluden. Ich sitze am Tisch und warte darauf, dass wir anfangen dürfen. Die wichtigste Mahlzeit war bei uns immer das Abendessen, denn da war die Chance am größten, dass wir alle wirklich zuhause waren. Mein Vater sitzt links von mir, glaube ich, am Kopfende. Und wer ist an meiner rechten Seite? Einer meiner Brüder vermutlich, irgendwie so. Im Rücken habe ich die Bücherwand, Regale, Regale, Regale. Ich schaue in die Küche hinein, dort werkelt meist mein Vater.
Wir hatten unsere Familiengerichte, die immer beliebt waren, und wir hatten auch mal außergewöhnliche Gerichte, wenn mein Vater mal wieder eins seiner Experimente startete. Es werden heute immer noch Geschichten erzählt von großen Vögeln, die nicht in den Backofen passten und von wilden Kreationen, stundenlang köchelnden Süppchen und Sößchen und so weiter. Ich weiß nichts mehr davon, habe keine Bilder dazu. Muss aber wohl beeindruckend gewesen sein.
Was ich noch weiß ist, wie wir uns um die richtig guten Sachen gestritten haben, keiner wollte zu kurz kommen. Wenn es Pommes gab, wollten wir immer die längsten Pommes haben. Durften wir nur nicht sagen. Denn wenn einer von uns sagte „Ich hab die längste Pommes!“, dann konnten wir davon ausgehen, dass unser Vater sie uns von der Gabel nahm, um sie selbst zu essen. So geht Gerechtigkeit im Hause Koschinski.
Manchmal durften wir beim Schnipseln helfen. Paprika schneiden für die rote Soße, während mein Vater die Sellerieknolle in kleine Würfel schnitt. Oder aber wir haben zusammen Pizzateig gemacht, der stand dann immer in der roten Schüssel im Ofen und wir staunten, wie sich das Tuch über der Schüssel hochwölbte.
Unsere Pizzen wurden nie rund, auch nicht die, die mein Vater gemacht hat. Die Pizzen waren wappen-förmig oder eiförmig, das waren Charakterpizzen. Ein einziges Mal habe ich eine runde Pizza gerollt. Das war ein Abend, an dem Opa mit uns gegessen hat. Natürlich bekam er die schöne, runde Pizza. Meine Pizza. Und er hat sie gern gegessen. Ich war so stolz.
Wir durften auch mithelfen, die Frikadellen vorzubereiten. Mein Vater machte die besten Frikadellen der Welt. Wichtig war das eingeweichte Brötchen. Und der Senf. Und natürlich die Zwiebeln. Gab es bei uns Frikadellen und blieben welche übrig, dann kamen sie in den Kühlschrank. Man konnte sie am nächsten Tag wunderbar kleinschneiden und auf Brot essen. Aber natürlich nur, wenn Hugo, der Hausgeist, welche übriggelassen hatte.
Denn es kam vor, dass abends noch Frikadellen da waren, aber am nächsten Morgen waren sie verschwunden. So ist das eben mit Hausgeistern. Wenn sie nicht ab und zu was Gutes im Kühlschrank finden, kann es sein, dass sie komische Sachen machen. Also lieber ab und zu mal Reste von gutem Essen dort lagern.
Die exakte Zusammenstellung der Frikadellen starb mit meinem Vater, danach habe ich nie wieder welche gemacht. Mein Bruder hat sich, glaube ich, das Rezept von meiner Oma besorgt und bestimmt hat er es mal ausprobiert. Ich glaube aber, dass nie wieder eine Frikadelle so schmecken wird wie damals.
Den großen Tisch gibt es übrigens noch. Wir sitzen ab und zu daran und essen oder spielen. Ich habe wieder eine Bücherwand im Rücken, wie damals. Aber viel mehr hat es nicht gemeinsam.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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