Meine Füße sind nackt, natürlich, im Sommer ist das ja auch so schön angenehm auf den warmen Holzbohlen in meinem Zimmer, nein, auf der ganzen Etage. Und auf der Treppe auch. Je nachdem, wie lang die Sonne Zeit hatte, eine Stelle zu erwärmen, ist es wie eine Fußbodenheizung. Im Sommer. Mein Bruder und ich sitzen in meinem Zimmer auf dem Boden, spielen mit meinen Puppen, es ist eine Art Karate, das die Puppen und Kuscheltiere betreiben in unserem Spiel. Wir sitzen, knien, hocken am Boden. Bis mein Bruder aufschreit – vor Schmerz oder vor Überraschung, vielleicht beides. Sofort sehen wir das Blut an seinem Knöchel. Ein Schnitt. Und ich weiß: Ich bin Schuld daran.
Ich mochte es schon als Kind, wenn Dinge ihre Ordnung haben. Das muss nicht die Ordnung sein, wie sie in Ratgebern empfohlen wird, aber irgendwie hat alles einen Platz. In meinen Räumen und auch in meinem Kopf. Ich halte meine Sachen in Ordnung, darauf konnte man sich verlassen. Sets blieben vollständig, es ging nichts verloren, Kleidung wurde dreckig, aber im besten Fall auch wieder sauber. Staub war nie der Feind, aber Schmier und Schmutz mochte ich nicht.
Mein Bruder und ich hatten früher so einen Experimentier-Kasten mit kleinen Reagenzgläsern und Pinzetten und Farben, die man dann in Wasser auflösen konnte. Es gab auch so eine Art Teststreifen, die man dann in die Flüssigkeiten halten konnte. Ich weiß aber nicht mehr, was sie anzeigen sollten. Irgendwann hat man ja die Experimente gemacht. Und es bleibt: Die Ausrüstung. Ich hatte also Reagenzgläser, mit denen machten wir dann andere Experimente, dachten uns selbst welche aus.
Das Ergebnis war, dass diese Reagenzgläser irgendwann schmierig waren, was weiß ich, was sich da alles abgelagert hatte. Sicher Kalk, aber auch Reste von Farbe, dies das. Weil ich es aber schon immer mochte, wenn alles ordentlich und sauber ist, wollte ich die Gläser reinigen. Hatte bloß keine kleinen Bürsten oder so. Also drehte ich ein Papiertaschentuch in das schmale Glas hinein und versuchte, bis ganz nach unten zu kommen. Und weil das nicht gut ging, drückte ich von Oben mit meiner Schere, die passte gut und somit konnte ich das Taschentuch weiter nach unten stopfen.
Dünnes Glas bricht unter Druck. Das hätte ich natürlich wissen müssen. Als das Reagenzglas in meiner Hand zerbrach, wusste ich es auch sofort: Mein Fehler. Das sollte niemand wissen, wie dumm ich gewesen war. Sorgfalt war mein Ding, das hätte mir nicht passieren dürfen. Also sammelte ich alle Scherben auf und entsorgte sie so, dass es niemand merken würde. Das Glas würde weg sein, aber das würde sicher eh keiner merken. Nur ich hatte damit noch Farben gemischt, nur ich wusste, wo es hingehörte, wo sein Platz war. Der blieb jetzt leer.
Das Blut am Knöchel meines Bruders floss seinen Fuß runter, er ging zu unserem kleinen Badezimmer, stellte sich in die Dusche, brauste den Fuß ab. Es kam immer mehr Blut. Keine kleine Wunde. Ich wusste nicht, worauf ich reagieren sollte, auf den Fuß, auf meinen Bruder, auf mich, mir wurde ganz schlecht, aber ob das wegen des Bluts war oder wegen meiner Schuld, weiß ich nicht.
Die Wunde konnte mit einem Pflaster behandelt werden, sicher ist sie längst vergessen – für alle anderen. Ich habe Ärger bekommen, natürlich. Das hätte ich doch wissen müssen, dass Glas unter Druck bricht. Und wenn etwas bricht, muss man doch den Staubsauger holen. Kleine Glasscherben, die zwischen Holzbohlen stecken, sind doch gefährlich. Völlig richtig. Der Boden wurde vorsichtshalber noch mal gründlich geprüft und gesaugt, aber vielleicht sind wir nie wieder so unbeschwert über die Holzböden gerannt. Und es war meine Schuld.
Dass ich Angst vor dieser Reaktion hatte und dass sie genau so ausfiel, wie ich sie erwartet hatte, kann ich erst heute abhaken. Aber sicher nicht ganz. Denn diesen Modus wirst du nicht los: Wenn etwas passiert, ist es doch logisch, zu denken: Das hättest du wissen müssen! Das hättest du verhindern müssen! Tückisch, diese Muster. Und schlimm, dass es nicht meinen eigenen Fuß erwischt hatte.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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