Die Musik meiner Kindheit ist keine Musik. Denn ich bin Jahrgang 1986, also konnte ich nicht anders, als mich von den 90ern prägen zu lassen. In der Grundschule war ich besessen von Blümchen, wir alle waren das. Selbstverständlich konnte ich alle Songs auswendig, was ja aber auch keine große Leistung ist bei Blümchen-Texten. Das erste Album, also das mit Herz an Herz und Kleiner Satellit (Piep, Piep), habe ich von meiner Oma zum Geburtstag bekommen. Und dann die riesengroße Enttäuschung: Da war ein Kratzer in der CD und gerade Kleiner Satellit ließ sich nicht abspielen. Ja, ich bin so jung, dass meine ersten Alben CDs waren und keine Platten.

Platten gab es aber auch. Da hörten wir The Doors, Scorpions, Roxette und Fury in the Slaughterhouse (weil mein Bruder die so liebte), wir hörten Bob Dylan, Bruce Springsteen und Queen… Van Morrison natürlich auch. Das lief alles im Hintergrund meiner Kindheit und Jugend, während ich Die Schlümpfe hörte. Mein erstes Album war Dish of the Day von Fools Garden, natürlich wegen Lemon Tree. Ich besitze es heute noch und Junior hat es bereits entdeckt. Ist einfach eingängig, das Ding.

Und dann war da noch Herbert. Herbert Grönemeyer, immer wieder. Mein Vater liebte zwar Bob Dylan, aber er liebte auch Herbert Grönemeyer, nicht nur die großen Hits. Und Klaus Lage. Von Klaus Lage bin ich ein bisschen abgekommen, aber wenn du mir heute Stadtstreicher, Transit oder Faust auf Faust vorspielst, dann kann ich alle Texte.

Die Grönemeyer-Texte übrigens weniger, denn ich hab den früher einfach nicht verstanden. Heute kann ich sie aber trotzdem alle. Und ein paar schmerzen mich doch sehr, aber nicht so sehr die alten, sondern die neueren, die, die mein Vater verpasst hat und die für mich vielleicht gerade deswegen so wichtig wurden, allen voran die Songs auf Bleibt alles anders aus dem Jahr 1998, sein letztes Jahr.

Natürlich habe ich auch die volle Wucht Boy- und Girlbands mitgenommen, aber spezialisiert. Ich mochte nicht alle, sondern die Backstreet Boys und die Spice Girls. Und als Britney Spears im Schulmädchen-Outfit durchs Musikfernsehen tanzte, fand ich sie erst blöd, aber später doch ziemlich gut. Ein wilder Mix also, so ist das auch bis heute. Obwohl… eine Richtung nahm es dann doch.

Ich weiß nicht mehr, wo es anfing, vermutlich mit MTV. Da waren Placebo und Incubus, später auch viele The-Bands, ich konnte und wollte mich nicht entscheiden. Aber ein paar wurden meine Begleiter durch meine Pubertät, sie waren da, als ich nicht wusste, wohin mit mir. Es war düster und laut mit System of a Down und Staind, aber ich liebte auch Slut, die Lemonheads und Mando Diao.

Und dann kamen die Foo Fighters, die beste Band der Welt. Zu ihnen kehre ich immer zurück, egal wohin mich mein wechselhafter Musikgeschmack auch bringen mag. Denn ich kann fast mit allem leben, ist vielleicht auch ein Ergebnis meiner Radio-Vergangenheit. Pop, Rock, Alternative… also ich bin zufrieden mit eingängigen Songs und einem wilden Mix. Wie war das früher? 80er, 90er und das Beste von heute. Na ja, das müssen wir dann wohl erweitern um ein paar Jahrzehnte.

Ich kann mich aber bis heute auch mit neuen Künstlern anfreunden, nicht mehr so intensiv wie in meiner Jugend, nicht so treu vielleicht, aber ich bin nicht festgelegt, wenn ich Musik höre, sagt auch meine Jahres-Zusammenfassung von Deezer.

Tanzen

Nur wenn ich tanze, dann ist mir nicht ganz egal, in welchem Club. Dann vermisse ich den Week-Exit im Zweischlingen, tanze in Gedanken wieder zu Not an Addict von K’s Choice und zu Thomas D.s Krieger. Ich tanze für mich, auf dieser meist überfüllten Tanzfläche, ganz egal wer da ist und wie es wohl aussehen mag. Wird es später und ist weniger los, dann tanze ich mit geschlossenen Augen, nur ich und die Musik.

Ich vermisse auch das PC69, obwohl ich das ja eigentlich nie hätte betreten dürfen, denn bei seiner Schließung 2003 war ich 17. Die Abende im PC69 liebte ich aber sehr, also die, an denen ich reingekommen bin. Wir tanzten bis morgens um vier, es war einfach der beste Ort für Musik und Begegnung.

Im PC69 sah ich damals auch Wir sind Helden live, ein kleineres Konzert, aber das ist sowieso meine liebste Art von Konzert. Keine großen Hallen, lieber kleine Clubs. Viele kleine Konzerte sah ich auch im Kamp.

Mit 18 fing ich an, in einer Diskothek zu arbeiten. Und ich liebte es, dass unsere DJs mir manchmal meine Spezialwünsche erfüllten, wenn es ins Programm passte. Hier im Far Out küsste ich zum ersten Mal eine Frau, hier tanzte ich Walzer, hier verliebte ich mich auf den dritten Blick, hier war ich ein Engel und ich verstand, warum Benjamin aus dem SoWi-Kurs nicht einen meiner Blicke erwidert hatte. Ich begriff es, als ich ihn auf einer unserer Schwu-Les-Partys traf. Ich liebte Karaoke und Schlagerpartys und natürlich unseren Elternabend, an dem das Publikum so ganz anders war, als wenn ich privat mit meinen Mädels tanzen ging.

Ich denke, ich liebe die Vielfalt. Und neugierig zuzuschauen, wie Musik uns zusammenbringt. Denn das kann sie. Und noch viel mehr. Sie trägt unsere Vergangenheit, unsere Wünsche, unsere Träume. Manche Songs tragen meine Wut, die nirgendwo hin konnte. Und manche tragen meine Liebe. Die unerwiderte, die heiße, innige, und auch die schmerzliche Liebe. Es sind keine Lovesongs.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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