Wie oft habe ich mir schon dabei zugesehen, wie ich morgens beschwingt aus dem Bett springe, voller Tatendrang, all die Dinge, die an diesem Tag wichtig sind, zu erledigen. Nein, nicht einfach zu erledigen – zu leben, zu spüren, sie mit einer vor Leichtigkeit sprühenden Energie einfach zu tun, in der richtigen Reihenfolge und ohne Ermüdungserscheinungen, denn dies ist doch das Leben, für das ich mich entschieden habe. Oder?

Selbstverständlich starte ich mit Journaling, denn das ist ja schließlich der Schlüssel zu mehr Klarheit und Fokus. Danach ein kleiner 10-Kilometer-Lauf, klar, das ist Routine und strengt meine Willenskraft nicht im mindesten an. Anschließend bleibt Zeit für ein bisschen Yoga, denn ich brauche ja die Flexibilität in Kopf und Körper, eine kleine Meditation ist natürlich auch noch drin.

Mit einer Dusche und einem gesunden Frühstück mache ich mit startklar für die Arbeit. Kreativarbeiten am Vormittag, Kundentermine am Nachmittag, ist ja logisch. Und wenn Junior aus der Schule kommt, bin ich entspannt, zufrieden und glücklich, jetzt kann ich für ihn da sein ohne mich von etwas ablenken zu lassen. Gegen Abend bleibt Zeit zum Lesen und Musizieren, man muss ja Prioritäten setzen.

Die andere Seite von perfekt

Ich wäre gern so perfekt, so fleißig, so fokussiert, so aufgeräumt. Die Wahrheit ist aber: An den meisten Tagen kommt mir mein Leben in die Quere. Oder mein Körper. Oder Menschen in meinem Umfeld, die sich einfach nicht an meinen perfekten Plan und mein perfektes Bild von mir halten wollen.

Dinge gehen schief, ich bin schlecht gelaunt, ich erlebe Enttäuschungen und das macht mich fertig, lässt mich kurz in Selbstzweifeln versinken und macht mir spätestens zwei Tage später Kopfschmerzen. Mit Migräne schaffe ich manchmal gar nichts, egal wie sehr ich mich, meinen Körper und meinen Kopf zwingen möchte, einfach zu funktionieren.

Es gab Phasen in meinem Leben, da sind mir die Haare ausgefallen und meine Haut drehte völlig durch, ich war nicht geflutet von Stresshormonen, ich WAR ein einziges Stresshormon. Seit Jahren habe ich keine Luft mehr, mein Körper macht nichts mehr so mit, wie ich es von ihm kenne, und ich mache trotzdem einfach weiter. Winde mich, teste verschiedene Möglichkeiten, wie ich doch weiter aktiv bleiben kann.

Aber leicht ist das nicht. Keine oder wenig Energie – und keiner kann mir sagen, warum das so ist. Und trotzdem: Auch in den schweren Phasen sehe ich mich Klavierspielend und gesund essend, sportlich und kreativ meinen Alltag durchleben. Irgendwann wieder.

Ich würde so gern so vieles tun. Politisch aktiv sein, laut sein, ökologisch korrekt leben, mich nur von regionalen Produkten ernähren, immer frisch kochen, eine Wärmepumpe statt unserer Gasheizung haben und und und. Aber ich wohne in einer Mietwohnung. Einer bezahlbaren, aber nicht gerade klimafreundlichen Mietwohnung.

Ich schaffe es eigentlich nie zum Markt, obwohl ich es sollte. Es strengt mich aber an. Und oft, sehr oft, ist mein Leben mit Junior und mit meinen Projekten und meinen Terminen und meinen Kunden und all der Verantwortung, die ich trage, einfach zu schwer, um noch weitere Aktivitäten zu planen. Ich verdiene nicht genug Geld, um all die tollen Projekte zu unterstützen, die es da draußen gibt.

Ich tu mein Bestes. Jeden Tag von Neuem. Und wenn ich mal weniger mache, als ich könnte, dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich möchte übrigens weiterhin KEINE TIPPS, was ich alles haben oder optimieren könnte – dies ist nur ein Blick durchs Schlüsselloch. Es ist nicht alles einfach. Und nur weil ich keine diagnostizierte Krankheit habe, heißt das nicht, dass immer alles geht und ich ein leichtes Leben führe. Wir haben alle unsere Päckchen zu tragen. Und daher bleibt nur zu sagen: Mehr geht leider nicht.

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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