Schreib über Lügen. Das steht da und ich suche in meinem Kopf nach Situationen. Hast du als Kind wenig oder viel gelogen? Viel. Aber wie genau das aussah… Ich erinnere wenig Konkretes aus meiner Kindheit, so viel kann ich sagen. Natürlich wurde die Wahrheit gebogen bei verschiedenen Themen. Hausaufgaben zum Beispiel. Aber auch bei anderen Sachen. Wo wir genau waren, was wir gemacht haben, wie viele Kekse wir gegessen hatten… Aber ganz ehrlich, ich komm an keine Erinnerung zu diesem Thema dran.
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass intelligente Menschen häufiger lügen. Ganz einfach, weil sie es können. Weil sie die komplexen Konstrukte von Lügengeschichten besser halten können, weil sie geübt darin sind, an der richtigen Stelle Details zu präsentieren und an der richtigen Stelle schwammig zu bleiben.
Ich finde das logisch. Denn plumpe Lügen finde ich beleidigend. Zu leicht zu durchschauen – wer glaubt denn, dass er damit durchkäme? Nein, gute Lügen sind gute Geschichten. Und im besten Fall tun sie niemandem weh. Das können wir ja steuern, denn wir entscheiden darüber.
Also Lügen aus Freude am Erzählen? Nicht ganz. Eher aus Freude am Spiel. Denn es ist schon ein kleiner Kick, wenn du schaust, wie weit du kommst mit einer Lüge. Je mehr Menschen beteiligt sind, umso wackliger ist es. Ich meine das nicht böswillig, sondern wirklich spielerisch. Eine Geschichte so zu bauen, dass es niemand merkt oder zumindest niemand das Gegenteil beweisen kann, das ist ja schon ein bisschen wie im Krimi.
Die Lügen, über die ich am wenigsten Kontrolle habe, sind die, die ich mir selbst erzähle. In einem endlosen Selbstgespräch rede ich mir Dinge ein, mache mich besser als ich bin, (er)finde Ausreden für blödes Verhalten. Dieses Lügen finde ich auch total spannend, denn da kann ich noch so gut erzählen, es bleibt immer ein Rest ungutes Gefühl.
Was also tun? Ich persönlich steh auf beides: Lügengeschichten erzählen ist aufregend, kribbelig, gefährlich. Aber radikale Ehrlichkeit, ohne Schnörkel – das ist vielleicht schockierend, verstörend, absolut gefährlich.
Denn es gibt sie ja: Die Geschichten, die wir ausschließlich uns selbst erzählen. Die eingeschlossen sind. Entweder wie ein Schatz oder wie eine dunkle Kammer, die man nie wieder betreten will. Radikale Ehrlichkeit schließt diese Geschichten aus. Aber wie revolutionär ist es trotzdem, wenn wir beschließen, alles andere zu teilen?
Die schlimmen Erlebnisse, die Verfehlungen, die Lügen, die geheimen Wünsche? Diese Dinge zu teilen, erfordert Mut und Vertrauen. Aber ich glaube, der Mut wird doppelt und dreifach belohnt. Denn diese Intimität ist vielleicht das, was so richtig lebendig macht. Die intimste Sache der Welt? Nicht Sex, sondern Kommunikation (wobei Sex ja auch Kommunikation ist).
Denn es ist doch so: Meinen Körper kann ich geben und jederzeit wieder zurücknehmen. Aber meine Wahrheit nicht. Die kann ich teilen und muss dann darauf hoffen, dass sie gut behandelt wird. Abenteuerlich, gefährlich vielleicht. Aber die Dinge zu teilen, die für alle anderen nur Stille, Lügen und Schwammigkeiten bleiben, das ist vielleicht der intimste Akt von allen.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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