Ich weiß noch, dass ich sie unbedingt haben wollte. Aber warum? Vielleicht hatte eine Freundin solche Schuhe gehabt. Oder aber ich hatte sie einfach irgendwo gesehen. Eine meiner Kolleginnen beim Ballett vielleicht… keine Ahnung. Aber ich wollte diese schwarzen Lackschuhe. Und meine Mutter ging mit mir einkaufen.
Halbschuhe. Sagt man das heute noch? Also jedenfalls Schuhe, die nicht ganz geschlossen waren. Sie glänzten so schön, ich wollte sie immer anziehen. Auch bei Gummistiefel-Wetter. Das Beste an den Schuhen war die kleine Ente, die auf den Außenseiten drauf war. In meinem Kopf war es eine Ente in einem Cabrio.
So fühlte ich mich in den Schuhen. Als würde ich einen Ausflug machen, in einem schnellen Auto. Ein Abenteuer vielleicht. Die Lackschuhe eigneten sich nicht so gut, um damit durch das Gebüsch zu kriechen und auf Bäume zu klettern, aber das mussten sie auch nicht. Meine Mutter wird mich sicher ermahnt haben, sie nicht kaputtzumachen oder aufzupassen, dass sie nicht zerkratzen. Keine Ahnung, ob ich mich daran gehalten habe.
Sowieso gab es da immer diese Diskrepanz. Ich mochte schöne Sachen, aber ich mochte sie nicht genug, um mich ganz fürchterlich zurückzuhalten. Ich liebte bunte Kleidung, ausgefallen, süß. Zum Beispiel auch ein Set aus einer leichten Hose und einer Weste, beides mit einem Blumenmuster, ich glaube Rosen. Rosa Rosen.
Das hatte ich irgendwann in der Grundschule, trug es an meinem Geburtstag, ich muss wirklich sehr niedlich ausgesehen haben. Damals waren meine Haare ja noch viel heller, ich bin ja eine nachgedunkelte Blondine. Und im Frühjahr und im Sommer waren meine Haare immer noch ein Stückchen heller und die Augen noch ein Stückchen blauer.
In der Schule habe ich dann aber natürlich nicht nur in der Ecke gestanden mit meinem süßen Zweiteiler, sondern habe rumgetobt, Ball gespielt, geturnt und so weiter. Auf dem Schulhof gab es in der Mitte so eine Art Beet, etwas erhöht, da standen Bäume und es gab diesen Rindenmulch. Von diesem Rindenmulch bekam ich eine Ladung auf meinen hübschen, sauberen Rosen-Anzug. Ich war bestürzt, wie schnell das wieder gegangen war, dass ich eben nicht mehr ordentlich und super niedlich aussah.
Solche Situationen gab es öfter. Der hübsche blasslilafarbene Badeanzug bekam eine Ladung Schlick aus dem Kanal ab, die Hose in dem hellen Mint-Farbton hatte schnell einen großen Kakao-Fleck… Ich hatte ein Talent dafür, dieses saubere, ordentliche Image nur kurz nach Außen zu tragen. Dabei fand ich mich selbst so hübsch in diesen Pastelltönen und mit den großen Mustern.
Vielleicht ist das auch heute noch da, diese Zerrissenheit. Ich möchte, dass es hübsch aussieht, aber nicht lange. Denn eigentlich sind mir andere Dinge wichtiger. Leben zum Beispiel. Leben ist nicht hübsch und niedlich. Und egal, wie viel Pastelltöne und Beige wir auf dieses Leben klatschen… Es bekommt immer Flecken. Dafür zu leben, diese Flecken zu vermeiden, halte ich für falsch und anstrengend. Also lieber Kratzer im Lackschuh. Ich habe sie trotzdem geliebt und weiter getragen. Auch als ich damit nicht mehr makellos aussah.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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