„Es gibt eine Art von Kummer, die nicht geheilt werden kann, aber die mich antreibt und gleichzeitig verwirrt.“ (Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes 2019, S. 122). Es sind Sätze wie diese, die mich wie einen Pingpongball von einer Welt in die andere und wieder zurück schubsen. Lese ich die Geschichten in dem Schreibratgeber, dann erinnere ich mich an Szenen aus meinem eigenen Leben, so soll es sein, so ist es. Sagte ja auch schon Thomas Mann: „Wir finden in den Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.“
Das ist einer der besten Effekte des Erzählens. Doris erzählt und ich erinnere mich an Dinge aus meinem Leben. Oder ich erzähle etwas und du findest in deinen Erinnerungen irgendetwas, das dazu passt. Hier habe ich schon mal darüber geschrieben: Du und ich.
In meine eigenen Erinnerungen zurückkatapultiert denke ich an Menschen, an Momente; ich fühle meine Vergangenheit (zumindest winzige Teile davon). Perfekt also, soll dieser Schreibratgeber von Doris Dörrie doch dazu anregen, das biografische Schreiben zu entdecken und zu üben.
Aber es gibt auch diese zweite Ebene, meinen Verstand, mein Denken über Text und über Wirkung von Text. Und in diesem Fall mein Denken über den Kummer. Diesen besonderen Kummer, der nicht geheilt werden kann. Ich glaube, den gibt es in mir und er ist ganz schön groß, weil es Verluste gab, die ich nicht zu Ende gespürt habe.
Sicher könnte ich mich jetzt über Szenen in meiner Geschichte diesem Schmerz annähern, vor allem, weil bei den Erzählungen von Doris Dörrie auch immer der Tod mitschwingt, wenn sie von ihrer Freundin N schreibt. Es ist erstaunlich, wie heilsam Schreiben sein kann, wenn man sich traut, diesem übermächtigen Kummer entgegenzutreten, ihn einzuladen, noch mal hochzukommen, während man sich seine eigene Geschichte erzählt. Aber wie das Zitat vom Anfang dieses Artikels sagt: Ganz heilen lässt er sich nicht.
Wenn ich versuche, mich an meinen Vater zu erinnern, dann gibt es ein paar helle Szenen und ein paar dunkle, aber kein Gefühl. Und wenn ich mir ein Gesamtbild erstellen will von unserer Geschichte, die ja nur knapp 12 Jahre umfasst, dann wird alles zu einer Art undefinierbarer Soße. Keine Bilder, keine Szenen, keine Idee davon, wie dieser Mensch für mich war. Also die Erinnerungen verschwimmen nicht, sondern sie sind wie etwas, das in Kokons oder in der Erde festsitzt und das ich durch diese Oberfläche hindurch nicht sehen kann.
Man kann sich das vielleicht so vorstellen, wie Aliens, die in einem Kokon wachsen, man kann nicht genau erkennen, was darunter liegt. Oder wie die Uruk-Hai in den Herr-der-Ringe-Filmen, die Saruman in Isengard züchtet. Bevor sie sich von dem Schlamm, dem Schleim und der Erde befreit haben, sieht man nicht viel, nur eine breiige Masse.
So sind meine Erinnerungen. Keine Klarheit. Nur Brei. Ich kann mich ganz doll anstrengen und es gibt trotzdem keine Bilder. Und ich denke, das ist auch ein Grund für den Kummer. Da ist ein Verlust, aber ich weiß nicht, was ich da eigentlich verloren habe. Verrückt, oder?
Würde ich nach dem heutigen Kapitel dem Impuls folgen, dann würde ich jetzt eine Geschichte schreiben – im Präsens. Denn: „Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Schreib deshalb möglichst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegenwartsform. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt.“ (Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes 2019, S. 123).
Den ganz großen Schrecken möchte ich hier aber nicht teilen, den lasse ich da, wo er ist. Vielleicht auch besser so. Wäre mal was für den Verbindung schaffen – Podcast, die Verbindung zu den eigenen Erinnerungen. Ich denke mal drauf rum.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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Ein Kommentar
Anna, du bist mutmachend, inspirierend, ehrlich… Danke ❤️