„Schreib über Körper“ steht da und… uff. Das Thema ist nicht so einfach, zumal ich hier ja öffentlich schreibe. „Schreib über den Körper eines Freundes oder einer Freundin“ ist der Impuls, aber ich wüsste nicht, was ich da erzählen sollte. Es sind eben Körper. Und die Hirne in den Körpern haben alle immer wieder ihre Probleme damit. Fängt schon bei der Haarstruktur an: Die einen haben schönes, lockiges Haar und wünschen es sich glatt, die anderen haben glattes und möchten lieber Wellen. Meine Freundinnen hatten die unterschiedlichsten Körper und alle waren sie schön – und fühlten es oft nicht.

Die beste Zeit für unsere Körper war sicher in der Grundschule, denn da waren es einfach Körper. Und egal, wie sie aussahen, sie konnten die meisten Dinge einfach mitmachen. Ich war immer klein, alles passierte unendlich spät bei mir, aber das war irgendwie auch cool. Ich kam immer überall durch, schlängelte, schlüpfte, wand mich. Meine Freundinnen in der Grundschule sahen alle so ähnlich aus wie ich, nur größer.

Und dann war da A… A war groß und schmal und sie konnte als erste den Bogengang und den Handstandüberschlag. Sie hatte diese Grazie in den Bewegungen, wo wir anderen noch klobig wirkten. Klein, wendig, aber nicht so fließend in dem, was wir taten. Ich fand A toll, bewunderte sie sehr. Sie war eine Trendsetterin, auch wenn wir damals nicht wussten, was das bedeutet.

Am Gymnasium traf ich auf die verschiedensten Körpertypen. Da waren Mädchen, die schon in der 5. Klasse aussahen, als wollten sie mal Frauen werden. Andere hatten durchtrainierte Körper, die behielten sie auch, als sie später Hüften bekamen. Und es gab breitere, fülligere Mädchen und Jungs, die hatten einen schweren Stand, aber ich lernte früh, dass Gewicht und Beweglichkeit sich nicht ausschließen.

Wenn ich Menschen mag, sind mir ihre Körper meist egal. Dann sind sie einfach schön, was soll man da groß diskutieren oder schreiben? Ich beneidete viele von ihnen um die langen Beine. Denn wenn es was gibt, das ich nicht habe, dann sind es Beine. Und ich weiß nicht, seit wann ich mir das immer und immer wieder anhören durfte.

Hatte ich mal die verrückte Idee, einen Rock zu tragen, dann hieß es von Seiten meiner Mutter: Na ja, du hast halt diese Rollbeine, schmale Knie und Knöchel werden das wohl nicht mehr. Ja, danke, das sitzt. Meine Mutter ist groß, sie hat die langen Beine und sie sah in ihrer Jugend sicher super aus im Rock – gerade in der kurzen Variante. Ich war eben klein, habe zwar irgendwann noch meine 168 cm erreicht, aber mehr auch nicht. Und Beine habe ich immer noch nicht.

Das hat auch Vorteile: Ich kann in kleinen Autos hinten sitzen, ohne mich einzuklemmen. Ich kann ins Theater gehen und sitze immer bequem. Die mit den langen Beinen wissen oft nicht, wohin damit. Und: das, was mir an Beinlänge fehlt, habe ich im Oberkörper. Im Sitzen bin ich also überraschend groß, größer als mancher Exfreund. Für einen von ihnen war das schlimm, er ging nicht gern zu irgendwelchen Anlässen, bei denen viel gesessen wurde. Denn im Stehen sahen wir ja viel „normaler“ aus, da war er deutlich größer als ich.

Normal ist auch ein gutes Stichwort, wenn es um Körper geht. Denn die Bilder von „normal“, mit denen wir gefüttert werden, die machen sie ja erst möglich, diese schlimmen Bewertungen – vor allem auch des eigenen Körpers. Die einen finden ihren Hintern zu groß, die anderen zu klein, der Bauch ist nicht straff, die Schultern nicht breit genug, es gibt immer was zu meckern. Dabei soll der Körper uns doch so gut es geht durchs Leben bringen, wir sollten ihn mögen.

Klar, Krankheiten verändern uns, sie verändern alles. So richtig über die äußere Form zu meckern, ist vielleicht auch ein Privileg. Denn hat man das Glück, gesund zu sein, dann kommt man ja wirklich auf die verrücktesten Gründe, sich nicht gut genug zu fühlen. Aber ich hatte es ja neulich schon mal geschrieben: Du machst aus einer Turnerin keine Ballerina. Wenn du einen Körper hast, der eben nicht schmal und zerbrechlich ist, dann wirst du das nicht ändern, egal wie viel Sport du machst. Hüftknochen werden nicht schmaler, Beine nicht länger.

Was am schlimmsten ist an all diesen Debatten, ist die Feindseligkeit, die in diesem Thema liegt. Da denken manche, sie seien die besseren Menschen, weil sie schlank sind. Sie sind erfolgreicher, disziplinierter, schöner, grundsätzlich überlegen.

Eine entfernte Bekannte zeigte ihren wohlgeformten Körper ein paar Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes auf Facebook und bekam sehr viel Lob und Anerkennung dafür. Und alle anderen bekamen ihr Fett weg: Dieses Foto zeige nämlich, dass es möglich sei, die Bonus-Kilos sofort wieder in einen Sixpack zu verwandeln, wenn man es nur will. Und alle anderen, bei denen das nicht so ist? Klar, die haben sich gehenlassen.

Ich glaub, wir müssen aufhören, über Körper zu diskutieren. Es ist doch schon verbreitet genug, dass wir glauben, unser Wert hinge vom Aussehen ab. Klar, der erste Eindruck macht was aus. Aber alles, was wir sehen, ist nur ein winzig kleiner Ausschnitt. Und dieser klitzekleine Ausschnitt berechtigt nicht zur Interpretation. Bevor wir also vorschnell urteilen, sollten wir vielleicht erstmal ne Runde in den Schuhen der anderen drehen. Und fühlen, was dazugehört, um bis hierhin zu kommen – in genau diesem Körper.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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