Lange Zeit habe ich die alten Klamotten meiner Brüder aufgetragen, sogar noch auf dem Gymnasium. Ich habe mich nie beschwert, aber ich war oft neidisch. Gern wäre ich so cool gewesen wie andere. Und ich hatte den Verdacht, dass die Kleidung einen gewichtigen Anteil daran hatte. Es ist wie ein Spagat, sich auf der einen Seite nicht die Bohne für Klamotten, Stil, Mode, Schmuck oder Schminktipps zu interessieren, aber auf der anderen Seite zu wissen: Dass ich das nicht tue, macht mich zu einer Außenseiterin.
Irgendwann perfektioniert man das Außenseiter-Dasein. Dann entdeckt man, dass Kleidung auch schützt, wenn sie sagt: Ich will gar nicht so sein wie ihr. „Alternativ“ bekam eine Bedeutung in meinem Kopf, die weit über die Musikrichtung hinausging.
Ich orientierte mich eine Weile an meinem coolen älteren Bruder, trug Zimmermannshosen vom Berufsbekleidungsgeschäft, das sind die mit den zwei Reißverschlüssen vorn und den hundert Taschen für Zollstock, Hammer und so weiter. Dass es sie überhaupt in meiner Größe gab, fand ich bemerkenswert.
Manchmal denke ich darüber nach, mir wieder eine zuzulegen. Denn sie sagt entweder: Ich bin Zimmermann. Oder aber sie sagt: Ich mach mein Ding. Und ich beuge mich nicht den Moden, den Röhrenjeans und den angepassten pastelligen Sweatshirts.
Natürlich war schwarz damals die Farbe meiner Wahl, ich wurde immer schwärzer. Die Kleidung, die Musik, später dann doch mal Kajal und Mascara, irgendwann sogar die Haare. Zu meiner blassen Haut sah das oft aus, als wäre ich vom Vampir gebissen worden, aber hey, auch das ist eine Botschaft. Ich mag schwarz heute immer noch. Vielleicht weil es auch immer ein Schutzschild war.
Unangepasst, eigensinnig, stur – sollten sie doch alle ruhig sehen, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Niemand hätte mich damals in einem Kostümchen oder Kleid gesehen, und dass ich heute sowohl das eine als auch das andere besitze, liegt daran, dass man nicht mit Zimmermannshosen auf einen geschäftlichen Empfang gehen kann. Also… könnte man schon. Aber alles hat Grenzen.
Es ist aber dabei geblieben, dass ich mich einfach nicht für Kleidung und Moden interessiere. Wenn ich etwas gefunden habe, das ich gern trage und das gut passt, dann hoffe ich, dass es noch lange produziert wird, damit ich es immer wieder kaufen kann. Ich hasse Shopping und ich finde es unfassbar anstrengend, Klamotten anzuprobieren. Wenn es also irgendwie geht, dann vermeide ich das.
Heute hat Kleidung auch nicht mehr die Schutzfunktion, die sie früher für mich hatte. Es ist okay, eine von vielen zu sein, ich muss das nicht mehr nach Außen manifestieren. Manchmal tragen Freundinnen schöne Kleidung, dann denke ich darüber nach, ob so etwas auch zu mir passen könnte. Und meistens verwerfe ich es wieder. Es gibt einfach Wichtigeres als das.
Dieser Text ist Teil eines Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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