Die Mutter eines Freundes von Junior erklärt mir: „Ich finde es so toll, wenn ihr die großen Spiele spielt! Hier schaffen wir das nicht. Wir spielen nur Spiele, die maximal 20 Minuten dauern.“ Eine andere Mutter erklärt mir, sie sei so froh, dass ihr Sohn sich endlich selbst beschäftigen könne, sie hätte einfach keine Zeit mehr, vorzulesen oder gemeinsam in den Park zu gehen. Klar, Kinder werden älter und sie sollen ja auch die Möglichkeit haben, die Welt auf eigene Faust zu entdecken. Aber wann ist das passiert, dass wir „keine Zeit“ mehr für die schönen Dinge im Leben haben? (Und wer mich schon länger liest, weiß vielleicht: Ich sehe das nicht als Zeit-Problem, sondern als Prioritäten-Problem.)
Einer von Juniors Mitschülern hat gerade seinen Vater verloren. Plötzlich. Unerwartet. Tragisch. Wenn man im Alter von 12 Jahren merkt, dass nichts sicher und selbstverständlich ist, dann macht das was. Ich kenne mich da aus, denn ich war im gleichen Alter, als mein Vater von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war. Heute sortiere ich immer noch für mich all die Dinge, die ich mit ihm verbinde – und er hatte oft Zeit für uns. Für Quatsch, für Gesellschaftsspiele, für Frisbee-Werfen im Park, für verrückte und selbsterfundene Spiele.
Er war aber auch der, der uns vergessen hat. Einfach nicht gekommen. Andere Prioritäten. Als Kind konnte ich das nicht verstehen und ich kann es bis heute nicht. Ich erkläre es mit verschiedenen Dingen, dem Alkoholproblem, seinen inneren Krisen, seinem Kampf mit der Welt. Aber hätte er gewusst, dass er eines Tages einfach umfällt, mit 45 Jahren und drei Kindern… hätte er dann nicht mehr Zeit gehabt? Hätte er uns dann nicht mehr schöne Erinnerungen (und weniger Enttäuschungen) hinterlassen wollen?
Was also ist dieses „keine Zeit“? Eine Wette darauf, dass irgendwann mal Zeit da sein wird. Später. Nicht heute. Dass irgendwann mal mehr als 20 Minuten da sein werden, um zu spielen. Und die Hoffnung darauf, dass Kinder es dann überhaupt noch wollen.
Verbindung braucht Zeit
Am Montag waren Junior und ich auf einer Schulveranstaltung und „trafen“ dort auch ehemalige Bekannte von uns, Vater und Sohn, der Sohn ein paar Jahre älter als Junior. Sie kamen zusammen an, setzten sich auch zusammen in eine Reihe, aber beide waren für sich. Denn beide hatten Kopfhörer auf beziehungsweise im Ohr. Nun könnte man argumentieren, das sei nur so wegen Noise-Cancelling, könnte ja sein, dass sie hochsensibel sind. Klar, kann alles sein. Sie haben aber nicht miteinander gesprochen und nicht nur ich, sondern auch Junior bemerkte die feindselige Stimmung.
Es dauerte auch gar nicht lange, bis sich der junge Mann demonstrativ von seinem Vater wegsetzte, nicht etwa, um sich zu seinen Freunden zu setzen, sondern um allein zu sein. Junior meinte nur, das sei doch traurig. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn wir können nicht in die Köpfe schauen. Vielleicht hatten sie vorher Streit, vielleicht war etwas vorgefallen, vielleicht die Pubertät, man weiß es nicht. Aber mich bedrückte das. Genauso wie es mich bedrückte, als eine andere Bekannte mir von den wiederkehrenden Konflikten mit ihrem Sohn erzählte, von Handgreiflichkeiten wegen abgestelltem W-Lan oder überschrittener Medienzeit.
Ich will nicht sagen, dass alles Digitale scheiße ist und alles Analoge supi, echt nicht. Ich glaube nur, dass Kinder Aufmerksamkeit brauchen, um sie zu lernen. Aufmerksamkeit und Zeit. Ich sehe die vielen, vielen Kinder, auch Kleinkinder, in Bus und Bahn. Mit Handy, aber ohne Kontakt zu ihren Eltern. Was die schnellen und lauten Bilder mit den Gehirnen machen… dieses Fass will ich hier gar nicht aufmachen. Nur das „keine-Zeit“-Fass. Keine Zeit für Gespräche, keine Zeit für Spiele, keine Zeit für Ausflüge, keine Zeit für gemeinsames Kochen und Backen, keine Zeit für Lesen und Vorlesen.
Beschäftigung ist anstrengend
Wie verführerisch es ist, sein Kind mit piependem und bildgewaltigem Spielzeug zu beschäftigen, weiß ich. Ein Hochleistungs-Gehirn braucht Input, das ist unfassbar anstrengend, wenn man das begleiten will. Wenn man immer wieder vorlesen muss, immer wieder erklären, die hundertste Warum-Frage beantworten oder aber zugeben, dass man es nicht weiß. Junior hat seine ersten Fernseh-Erfahrungen bei Playdates gemacht, da war er vier oder fünf oder so. Und als ich gesehen habe, wie er starr und fast hypnotisiert versuchte, dem Film zu folgen, wusste ich: Es ist gut, dass wir keinen Fernseher haben. Egal wie anstrengend es ist.
Begleitung kostet Zeit. Und Energie. Und Kraft. Aber sollte ich morgen sterben, dann möchte ich nicht, dass Junior von mir die Erinnerung behält: Keine Zeit. Und ja verdammt, das ist eine Entscheidung. Auch für angestellte Eltern, die nicht ganz so frei über ihre Zeit verfügen können, auch für alle Eltern, die kämpfen, die es so viel schwerer haben (und man, ich mach das allein, das ist alles andere als leicht). Gemeinsame Zeit ist so viel wertvoller als ein blitzblank geputztes Haus oder die Planung der perfekten Geburtstagsparty für das zweijährige Kind.
Verbindung braucht Zeit. Und Gespräche. Daher plädiere ich für analoge Zeit, denn in dieser Zeit kann man alle Eindrücke besprechen. Das Erschrecken vor dem brüllenden Kind auf dem Klettergerüst (Warum tritt der nach den anderen Kindern?), den Bettler mit der Armprothese (Was ist dem Mann wohl passiert?), den sterbenden Jungfuchs aus dem Buch (Vielleicht hätte er bei seiner Familie bleiben sollen?), die eigenen Unzulänglichkeiten (Warum bist du plötzlich so wütend geworden?), die aktuellen Radionachrichten (Was bedeutet das, wenn die AfD so viele Stimmen bekommt?), schlimme Ereignisse aus dem näheren Umfeld (Ich bin traurig weil xy nicht mehr da ist. Was kann ich tun?).
Ich habe sehr viele Dinge mit mir selbst ausgemacht, als ich klein war. Und ganz ehrlich: Es beschäftigt mich bis heute. Und ich bin mir sicher, dass es mich auch bis heute beeinträchtigt, meinen Umgang mit mir selbst und mit der Welt. Ich wurde vergessen und ich habe oft gehört: „Später.“ (Aus „später“ wurde „nie“.) Ich möchte nicht auf die Zukunft wetten. Es kommt nie der passende Zeitpunkt und die Idee der großen Freiheit, wenn erstmal alles erledigt ist… diese Idee ist die Karotte, hinter der wir herlaufen, bis wir zu müde zum Spielen sind. Ich möchte mir selbst nicht erklären müssen, warum ich die falschen Prioritäten gesetzt habe. Selbst dann nicht, wenn ich noch 40 oder 50 Jahre leben sollte.
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2 Antworten
„Keine Zeit“ ist vermutlich oft nur die höfliche Form von „nicht wichtig genug“.
Das Gemeine daran: Später ist erstaunlich zuverlässig ausgebucht.
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