Wenn man klein ist, wird man manchmal nach Vorbildern gefragt. Menschen, die es irgendwie geschafft haben, die eine Bühne haben, gesehen werden. Als ich klein war, hatte ich keine Vorbilder – zumindest keine, an die ich erinnern würde. Aber eine habe ich immer gern gesehen: Magdalena Brzeska.

Vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere an die 90er Jahre, in denen Rhythmische Sportgymnastik auf Eurosport übertragen wurde. Und zwar nicht nur zu Olympia, sondern auch die deutschen Meisterschaften und andere Wettbewerbe. Stundenlang nur die Athletinnen, die Musik und die großartigen sportlichen Leistungen. Turnen wurde auch gezeigt, aber vor allem erinnere ich mich an die Stunden mit den fantastischen Bildern der Gymnastinnen mit ihren Geräten – natürlich am liebsten die Übungen mit dem Band und dem Ball.

Magdalena Brzeska war in den 90ern für mich DIE eine Gymnastin, denn es gab zwar bessere als sie, aber in Deutschland war sie lange unschlagbar. Ich habe ihr so gern zugeschaut! Es war nicht so, dass ich sein wollte wie sie oder dass ich vom Turnen zur Rhythmischen Sportgymnastik wechseln wollte, aber ich habe ihr einfach gern zugeschaut.

Ein bisschen baff war ich dann, als sie mit 20 ihre sportliche Karriere beendet hat. Das war Anfang 1998, ich war 11. Bis heute finde ich, dass wieder mehr Turnen und Rhythmische Gymnastik übertragen werden sollten. Und Eiskunstlauf! Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht informiert genug, es ist eben doch schon ganz schön lange her, dass ich mich intensiv mit diesem Sport beschäftigt habe.

Jedenfalls habe ich Magdalena sehr bodenständig in Erinnerung. Kann auch sein, dass ich mich da falsch erinnere, aber ich denke, sie war nicht eingebildet oder überheblich. Hatte keine Starallüren oder wollte etwas Besonderes sein. Vielleicht mochte ich sie deshalb so gern.

Später hatte ich diese Art Vorbilder nicht mehr. Aber an der Uni gab es Dozent*innen, die mich beeindruckt haben. Ich erinnere mich an einen Kurs, den ich eigentlich nur gewählt hatte, weil er gut in meinen Stundenplan passte: Einführung in die Historische Anthropologie. Das war im Sommersemester 2008 (hab ich grad extra recherchiert, könnte ja wichtig sein). Den Kurs hat damals Dr. Christiane Eifert gegeben und klar, das war ein Einführungskurs, da kann man nicht viel in die Tiefe gehen oder wer weiß was für Diskussionen führen.

Aber anders als andere Dozent*innen erklärte Frau Eifert, sie wolle mit uns einfach Fragen an die Forschungsrichtung stellen, offen diskutieren, Ideen entwickeln. Das klang auf einmal nicht wie das übliche Bachelor-Blabla, nämlich „lernt, was ich sage und danach könnt ihr es wieder vergessen“, nein, das klang nach Entdecken, nach Mitgestalten, nach ernst genommen werden. Das Tolle daran war: So war der Kurs dann auch wirklich, Frau Eifert hatte das nicht nur so gesagt. Sie war neugierig auf die Fragen, die wir aus den Texten heraus entwickelten und stellten.

Dadurch habe ich ein bisschen den Glauben an das Studium wiedergewonnen. Denn ich war so enttäuscht von dem verschulten, langweiligen Ablauf und den wenigen Gestaltungsmöglichkeiten. Klar bin ich zum Lernen dort und andere zum Lehren. Aber ich möchte nicht in Vorlesungen gehen, damit mir jemand etwas vorliest, das ich selbst als Text besser und schneller hätte aufnehmen können.

Und gerade die großen Köpfe der Fakultäten, die mit den vielen Veröffentlichungen und Vorträgen, die man auch weit über ihre Heim-Universität hinaus kannte, waren oft keine guten Dozenten. Ihr Ruf eilte ihnen voraus, aber gut war das meist nicht.

Christiane Eifert jedenfalls hat mich in der Form beeinflusst, dass ich meine eigenen Kurse mit genau dieser Neugier gestalte. Ich möchte den Input der Teilnehmenden, möchte die Fragen, die Impulse, die Ideen. Und ich möchte auch die Kritik, die Zweifel und die Einwände. Denn aus diesem Austausch lässt sich so viel ziehen…

Ähnliche Kurse hatte ich dann später im Master, vor allem die Kolloquien, aber das alles hätte ich ja beinahe verpasst, weil ich so entmutigt war von diesem blöden Bachelor-Studium.

Schreibende Vorbilder habe ich übrigens gar nicht. Es gibt Autoren und Autorinnen, die ich sehr gern lese, ja. Aber ich möchte nicht schreiben wie sie, nicht erzählen wie sie. Ich möchte so schreiben wie ich es tue. Auch neugierig, mich vortastend, experimentierend, suchend, denkend. Nur so entsteht etwas Neues. Und wenn mir das gelingt, dann habe ich für mich alles richtig gemacht.

Dieser Beitrag ist in der 70. Blognacht entstanden. Das Impulsthema: „Vorbilder“

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2 Antworten

  1. Liebe Anna,
    Danke für die Erinnerung an Magdalena. Ich habe auch in Erinnerung, dass mich plötzlich Bodenturnen interessierte. Ich habe sie gerne gesehen. Und was für eine Dozentin, die ihre Studenten so inspirieren kann. Wunderbare Beispiele.

    Ich genieße die Blognacht und bin inzwischen überrascht, dass es (doch) möglich ist, in so kurzer Zeit sich zu fokussieren und etwas zu schreiben das mich und andere Leser erfreut. Es ist überraschend und ich lerne , das sehr zu zu schätzen und mich selbst zu überraschen.

  2. Liebe Anna,
    wie schön, dass du mit deinen Beispielen zeigst, dass Vorbilder oft ganz nebenbei wirken und gar nicht versuchen, Vorbilder zu sein. Das fand ich einen sehr schönen Gedanken. Und weil es auch einmal gesagt werden muss: Ich liebe deinen Pausenjingle aus der Blognacht! Er gehört für mich inzwischen genauso zur Blognacht wie deine Themen.

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