In Juniors Kita gab es eine große Verkleidungskiste, die die Kinder nach Lust und Laune für ihr Spiel nutzen konnten. Sie durften Prinzessinnen und Piraten sein und auch mal alles durcheinandergemixt. Junior liebte das – besonders die schönen Kleider. Jemand anders sein, besonders, auffallend. Wir hatten so eine Kiste zuhause, darin hatte meine Mutter Stoffreste und alte Kostüme und Hüte und Kappen und Umhänge gesammelt. Zu Karneval stellten wir daraus Kostüme zusammen. Das war okay. Aber sollte ich mich spontan verkleiden, war der Tag für mich meist gelaufen.

Ja, zu Karneval war ich verkleidet und es war okay. Mal war ich ein sehr bunter Clown, mal Pippi Langstrumpf, mal ein Pirat, mal ein Vampir, mal eine spanische Flamenco-Tänzerin. Es gibt Bilder davon und ich weiß auch noch, dass diese Verwandlungen für einen Tag in Ordnung waren. Als ich als Vampir ging, habe ich mich zwar tüchtig erschrocken, als ich mein bleiches Gesicht sah, das endete in Tränen. Aber es war okay. Okay, weil ich darauf vorbereitet war?

Denn spontan machte mich das Verkleiden fertig. Es gibt mehrere Geschichten, Szenen, an die ich mich erinnere. Da war ein Ausflug, den wir mit der Kindergartengruppe machten. Es ging in den Wald, ich weiß den Anlass nicht mehr. Jedenfalls sollten wir uns schminken lassen und irgendwelche weiten Kleider und Röcke anziehen, vielleicht sollten wir so etwas sein wie Clowns.

Ich wollte das nicht, habe geweint, mich gewehrt, wollte nur weg. Ich wollte niemand anderes sein, nur ich, ohne Schminke im Gesicht. Es gibt ein Bild von diesem Ausflug: Ich, weinend, mit Clowns-Schminke im Gesicht. Es gibt einige Bilder von mir, auf denen ich weine und absolut nicht glücklich mit der Situation bin. Alles dokumentiert, vielleicht gab es viele Anlässe und Situationen, mit denen ich nicht einverstanden war.

Ein anderes Mal waren mein Bruder und ich bei einer Freundin zum Spielen und sie kamen auf die Idee, dass wir uns alle verkleiden. Ich wollte nicht. Nein, für mich keine unbekannte Kleidung, kein neues Image, keine großen Röcke und Hüte. Ich habe so sehr gekämpft, die Welt ging für mich unter an diesem Tag. Ich wollte nach Hause und mich nie wieder verkleiden. Hat keiner verstanden. Wurde belächelt. Ja, ja, das kennen wir schon. Sie kriegt sich wieder ein. Klar.

Ich mag das auch heute nicht. Habe wenig Freude daran, Kleider anzuprobieren, neue Frisuren an mir zu testen oder mich auffällig zu schminken. Ganz egal ob im Alltag oder zu einem Anlass. Ich mag nicht mal Masken aufsetzen für irgendeine Foto-Session auf Hochzeiten oder so.

Dabei habe ich eine Sache so sehr geliebt als Kleinkind: Hüte und Mützen. Ich weiß nicht warum, aber das war wohl ein gutes Gefühl. Etwas auf den Kopf zu setzen, oft auch mehrere Mützen übereinander. Meine Mutter sagte immer, ich habe ein Hutgesicht. Vielleicht ist das so. Mützen trage ich heute noch gern.

Aber vielleicht ist das das höchste der Gefühle, eine Anna mit Hut. Vielleicht möchte ich nicht jemand anderes sein. Und vielleicht wollte ich schon als kleines Kind einfach nur ich selbst sein. Und habe unter Tränen dafür gekämpft.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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