„Mutig, dass du das machst“, sagt meine Mutter, als ich mir ihr Auto borge, um nach Sierksdorf zu fahren. Ich habe alles gepackt, das Lieblingsspielzeug, die Decke, das Kopfkissen, Kleidung für alle Eventualitäten, die Gummistiefel. Natürlich, die sind wichtig. Ich will, dass Junior mal ein bisschen Wasser sieht. Ein richtiger Urlaub, weg von zuhause. Es ist 2017, Junior gerade drei Jahre alt geworden. Er schläft immer noch nicht und er hasst Autofahrten. Beste Voraussetzungen also.

Wir sind nicht mal an Herford vorbei, als Junior das erste Mal fragt: „Wann sind wir da?“ Das kenne ich schon, das ist bei Zugfahrten nicht anders. Im Auto macht es aber mehr Stress, weil ich meine Aufmerksamkeit fürs Fahren brauche. Junior quatscht vor sich hin, malt auf seiner Zaubertafel, wir wechseln zwischen Hörspiel und Radio hin und her. Es wird eine lange Fahrt. Und Junior wird nur einmal kurz einnicken, wie immer.

Ja, vielleicht ist es mutig, diese Reise zu machen. Allein mit Junior. Aber wer nicht wagt… Na ja. Wir machen Pause, fahren in einen Stau, das lässt sich ja kaum vermeiden auf dieser Strecke. Ich merke, dass meine Zeitplanung nicht hinhauen wird, fahre weiter und weiter. Ich spüre, wie mein Handy klingelt, es ist sicher die Vermieterin unseres Apartments, weil sie sich erkundigen will, wann wir denn ankommen. Zu spät. Wir werden zu spät ankommen. Das kann ich ihr nur nicht sagen jetzt, denn ich will nicht anhalten zum Telefonieren, nicht jetzt, wo es gerade gut läuft, Junior schläfrig und ruhig ist. Vielleicht schläft er noch mal ein, aber sicher nicht, wenn ich anhalte.

Als wir endlich am Ziel sind, mache ich Pause. Sammeln. Junior eine neue Windel verpassen. Die braucht er fast nur noch als Backup, aber für die lange Fahrt war sie eine gute Idee. Ich versuche, die Vermieterin zu erreichen. Sie ist nicht zu erreichen. In meinem Kopf gehen schon die Notfallpläne los. Ich bin ruhig, aber die Gedanken in meinem Kopf rasen. Was muss ich zuerst machen? „Wo schlafen wir denn heute, Mama?“, fragt Junior. Völlig berechtigte Frage, na klar. Ich lache ihn an: „Ach, dann machen wir ein Abenteuer draus. Jetzt schauen wir uns erstmal um.“

Junior ist entspannt, als wir zum Strand laufen, es ist noch angenehm warm. Und stimmt, das ist sehr viel Wasser. Viel mehr als wir in Bielefeld haben. Wir finden eine kleine Bar und gehen eine Fanta trinken, sowas gehört ja wohl zum Urlaub dazu. Auch oder gerade um diese abendliche Zeit. Wer braucht schon Alltagsregeln, wenn er mitten im Abenteuer steckt? Wir gehen zum Auto zurück, essen von unserem Proviant, und endlich, endlich meldet sich die Vermieterin und erklärt mir, wie wir doch noch an unseren Schlüssel für das Apartment kommen. Gut gut. Das schaffen wir jetzt auch noch.

Ostsee-Urlaub mit Kleinkind, das klingt ja nach einer tollen Zeit, nach Kinderlachen und Sandburgen. Das wird es auch geben, aber es gibt eben auch all das andere. Den Streit, die Wutausbrüche, die Dauerunzufriedenheit, weil es gerade nicht so läuft wie es soll, weil es regnet, weil irgendetwas ist.

An den Regentagen machen wir Ausflüge. Nach Lübeck, ins Museum, schauen uns das Skelett eines Pottwals an. In der Fußgängerzone legt Junior eine Szene hin, weil er meint, nicht mehr laufen zu können. Es ist wirklich ein Traum. Später am Hafen muss ich Junior sehr gut festhalten, damit er mir nicht davonfliegt, es ist das angekündigte Sturmtief Sebastian, so viel Wind kennt Junior nicht.

Wir fahren ins Sea Life Timmendorfer Strand, machen die Rallye, Junior „gewinnt“ eine Medaille, cool. Und dann kommt doch noch die Sonne. Und es gibt Eis. An diesem Tag fällt Junior das Laufen leichter.

Im September kann ja alles passieren, das Wetter macht teilweise, was es will. Aber ja, es kommt doch noch ein Tag, der so warm ist, so sommerlich, so sehr nach Strand ruft, dass wir gar nicht anders können. Wir sind den ganzen Tag draußen unterwegs, ich habe Juniors Hose hochgekrempelt, aber so richtig ins Wasser will er eh nicht. Nur schnell die kleine Gießkanne auffüllen und wieder zurück. Er buddelt, da ist auch das Kinderlachen, der kurze Anflug von schlechter Laune lässt sich mit einer Portion Pommes verscheuchen. So kann es bleiben.

Wir bauen eine große Sandburg, größer als Junior selbst. Sie muss groß sein, sagt Junior, immer größer und größer. Wir schaufeln und graben an unserem Werk, hier an dieser Stelle geht uns der Tag verloren, die Zeit ist plötzlich einfach weg. Aber es ist kein verlorener Tag. Es ist der Tag am Ostseestrand. Es ist der Tag der Sandburg. Die Burg hat Türme und auch einen Burggraben. Mit Brücke, aber ohne Zug. Was für ein Werk. Wir sind sehr stolz, vor allem, als wir dann noch den Burggraben mit Wasser füllen. Versickert leider, aber fürs Foto reicht es.

Dieser Tag ist der Tag mit den nackten Füßen, mit Sand, Sonne, Meer, Pommes und Eis. Und es ist der Tag, an dem etwas passiert, das nie wieder passieren wird: Junior schläft beim Abendessen am Esstisch ein. Ich bin schockiert. Ist das wirklich mein Sohn? Der, der niemals einschläft, auch bei Grillabenden nicht, die bis weit in die Nacht hinein dauern? Der, der alles mitbekommen will? Dieser Sohn, dessen Lieblingssatz lautet: „Ich bin nicht müde!“

Er schläft am Tisch ein. So etwas kannte ich aus Geschichten, aus Büchern und auch aus Erzählungen von anderen Eltern. Aber nicht von Junior. Doch dieser Tag, der Tag am Meer, hatte das geschafft, was Fußballspielen, große Spaziergänge und Tage auf dem Trampolin oder dem Spielplatz nicht schafften. Und auch der Meer-Effekt war jetzt verbraucht. Junior ist danach nie wieder im Sitzen eingeschlafen.

Unsere Sandburg übrigens war so groß und mächtig und stabil, dass sie noch stand, bis wir abreisten. Nicht mehr in voller Pracht, aber doch als Burg erkennbar. Hatte Junior also recht: Je größer, desto besser.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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