Es wird dunkler. Richtig, jemand hat das Licht gedimmt. Der Mann fuhrwerkt schon eine Weile in der Ecke herum, er scheint das mit dem Licht zu regeln, die perfekte Abendbeleuchtung. Sein Werk ist wohl noch nicht vollendet, denn er sucht jetzt kleine Tischlampen, kann man ja mal machen. Zwei Tische weiter hat ein Mann ein weiteres Bier bestellt. Nordisches Bier in südlichem Glas. Vielleicht mag er sich nicht entscheiden, mag die Mitte. Der Kellner fragt ihn: Also dasselbe noch mal? (Ja, ist falsch. Fragt er aber trotzdem.)

Währenddessen ist der Licht-Mann noch immer auf der Jagd nach den Tischlampen. Jetzt unterhalten sich die beiden Kellner. „Wann hast du angefangen?“ Er soll wohl Feierabend machen. Der Mann mit dem mittleren Bier kann sich nicht von seinem Handy lösen. Wenn er sein Glas abstellt, dann tastet er mit dem Glas nach dem Bierdeckel, so gefangen ist er von seinem Handydisplay.

Ein Mann mit Sporttasche kommt herein und läuft Richtung Biergarten. Sicher nicht, um Sport zu machen. Neben mir telefoniert ein Mann, irgendwas ist passiert, er weiß aber nicht was. Irgendwann sagt er laut „aaaaaahhhhh“ und dann scheint alles geklärt. Jetzt geht es um das Wetter. Prioritäten eben. Die Kaffeemühle scheppert und ein Hauch von Espresso weht zu mir herüber.

Eine Frau liest in einem Buch. Sie sieht so entspannt aus, als säße sie schon den ganzen Tag hier. Drei Frauen mit großen Handtaschen kommen herein, sie sehen aus, als wollten sie ausgehen, ich glaube nicht, dass sie Bücher in ihren Handtaschen haben. Schon eilt der Kellner zu den neuen Gästen, kommt bei mir vorbei. „Bei Ihnen ist alles okay?“, fragt er mich und ich fühle mich gleich alt, denn seit wann siezt man seine Gäste in einem Café, das abends zur Studentenkneipe wird? Ich lächle nur, sage ihm, „komm doch in ein paar Minuten noch mal“. Den Kellner siezen… nee nee, das wäre ja noch schöner.

Ein Mann möchte reservieren. Für 15 Leute. Ob es hier laut werde, will er wissen, man wolle sich unterhalten können. Stimmt, das ist gar nicht so einfach, abends wird es ja gern mal laut und man muss sich anbrüllen. Vor allem am Wochenende.

Zwei Frauen unterhalten sich über Mimik und Gestik, alles, was rund um Augen verdrehen passieren kann, wenn man genervt ist. Die eine spricht viel lauter als die andere, so als könnten sie sich nicht einigen, ob die Themen nicht doch zu heikel sind, als dass man sie öffentlich besprechen kann. Die Frau liest immer noch.

Neue Gäste sind gekommen, sie sitzen zwei Tische von mir entfernt. Einer von beiden muss in Parfum gebadet haben, der ganze Raum ist voll davon. Jetzt telefonieren sie über den Lautsprecher vom Handy. Wunderbar, das sind wohl Menschen, die keinerlei Schamgefühl haben. Interessant. Die Frau mit dem Buch geht und verabschiedet sich. Schönen Abend noch, dir auch, sagt der Kellner. Aha, jetzt fühle ich mich noch älter, bin ich wohl die einzige hier, die gesiezt wird.

Ich soll hier ja gar nicht werten, nur beobachten und beschreiben. Aber hey, so ist das mit dem Schreiben, man muss Aufträge auch mal dehnen. Denn so richtig lustig wird es hier wohl erst in ein paar Stunden, wenn sich das Balzverhalten der jungen Menschen in freier Wildbahn beobachten lässt. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. (Na, aus welchem Werk zitierte ich da gerade?)


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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