Als ich klein war, hatte ich dieses hübsche gestreifte Kleid. Es gibt ein Bild von mir, auf dem ich es trage, ich stehe auf der Schaukel bei uns im Garten, nackte Füße, weißblondes Haar, ich muss sehr klein gewesen sein. Dieses Kleid hatte ich auch mal auf einer Autofahrt an und die Fahrt endete abrupt, weil mir von der Fahrt oder von irgendetwas anderem schlecht geworden war. Kein Sonntagsausflug, kein niedliches Kleinkind in einem gestreiften Kleid.
Diese Geschichte zählt zu den Storys, die in unserer Familie erzählt werden. Immer und immer wieder. Aber ich erinnere mich nicht daran. Nicht an das Kleid, nicht an die Autofahrt, an gar nichts. Kein Wunder, denn ich war ja noch klein. Vielleicht ist es gerade deswegen so einfach, diese Geschichten zu erzählen, man kann ja nicht widersprechen.
Es gibt auch die Geschichte, die als Beispiel für meinen schlechten Charakter herhalten muss. Sie erzählt von einer ebenso jungen Anna, die ihren Bruder in Angst und Schrecken versetzte, obwohl der ja fast vier Jahre älter ist. In der Geschichte brülle ich meinen Bruder an, der an mir vorbei ins andere Zimmer will: „Du kommst hier nicht vorbei!!!!!“ Also ein bisschen wie Gandalf, der den Balrog in den Minen von Moria in Schach hält. Nur dass ich ein Kleinkind bin und mein Bruder mindestens einen Kopf größer als ich. Aber er hatte wohl Respekt vor mir.
Die Geschichte macht heute vielleicht nicht mehr ganz so viel Spaß, weil ja mein Bruder gar nicht anwesend ist, wenn sie erzählt wird. Früher war es umso lustiger: Auf der einen Seite mein „autoritäres“ Verhalten, auf der anderen die Angst meines Bruders vor seiner kleinen Schwester. Auch an diese Geschichte habe ich keinerlei Erinnerung, aber das ist ja kein Grund, sie nicht immer wieder rauszukramen, sobald jemand kommt, der sie noch nicht gehört hat.
Diese Geschichten gibt es bestimmt in jeder Familie, alle versehen mit kleinen Seitenhieben, denn wäre kein Konflikt oder kein außergewöhnliches Element in der Story, dann wäre sie sicher nicht erzählt worden und niemand würde sich heute noch daran erinnern. Erinnerung ist ja leider sehr trügerisch, daher gibt es auch die Geschichten, an die ich Erinnerungen habe, die aber ganz anders erzählt werden, als ich sie in meinem Gedächtnis gespeichert habe.
Zum Beispiel gibt es die Erzählung über mich, dass ich schon früh gern gebacken habe, auch gekocht, aber mehr gebacken. Und damit ich nicht ganz so gut wegkomme in der Geschichte, erzählt meine Mutter, ich hätte immer dabei die Küche in Schutt und Asche gelegt. In meiner eigenen Erinnerung habe ich das nie getan. Ich erinnere mich eher an viele Situationen, in denen ich aufräume, den Abwasch mache, die Küche saubermache in der Zeit, in der der Kuchen, die Brötchen oder der Auflauf im Ofen sind. Um keinen Stress zu machen, keine zusätzliche Arbeit, keinen Ärger. Es gab doch genug zu tun.
Ich glaube ja, dass hier Erzählungen übereinandergelegt wurden, die gar nichts miteinander zu tun haben. Was mein Vater in der Küche getrieben hatte und in welchem Zustand er sie hinterließ, wenn er seine tollen Menüs kochte, weiß ich nicht mehr. Was meine Brüder machten, weiß ich auch nicht. Aber es ist vielleicht auch nicht so wichtig, Hauptsache die Story sorgt für ein paar heitere Minuten und den ein oder anderen Lacher.
Diskutieren sinnlos, ich kann nur beschließen, dass ich es anders in Erinnerung habe. Tückisch. Dass sich Erinnerung und Fiktion vermischen, ist eigentlich eine Stärke von Geschichten. Damit kann man spielen, dazu ermutigt Doris Dörrie ja auch immer wieder in diesem Schreibratgeber, der hier vor mir liegt. Bloß manchmal ist es hart, wie unterschiedlich Situationen erlebt und wie unterschiedlich sie dann eben auch gespeichert wurden. Wie viele dieser Geschichten, die in der Familie erzählt wurden, wurden ausgeschmückt? Wie viele haben sich nur über die Zeit gerettet, indem sie immer mehr erweitert, vielleicht sehr verändert wurden?
Man kann es nicht wissen. Ich kann es nicht. Weil ich mich nicht erinnere. Dagegen stehen die Erinnerungen, die so scharf, so klar, so laut in meinem Kopf ablaufen, wie Filme. Die Szene, als ich dachte, mein Vater stirbt, als ich so laut brüllte, durch das ganze Schwimmbad, das viele Blut, der Körper, der krampfte, und ich, in Panik. Das kann ich bis heute im Detail abrufen, obwohl ich dort, in dieses Hallenbad, nie wieder hingegangen bin. Wie in Zeitlupe kann ich es abspielen in meinem Kopf, immer wieder.
Aber nicht das Kleid. Nicht meinen lautstarken Auftritt gegenüber meinem Bruder. Vielleicht ist es gut, dass manche Geschichten nicht erzählt werden. Es reicht ja, dass man sie sich immer wieder selbst erzählt. Und die, an die wir uns nicht erinnern? Ist vielleicht auch gut. Wer weiß, aus welchem Grund das Gehirn diese Dinge eben nicht langfristig speichern wollte. Im besten Fall, weil es nicht wichtig war. Aber es könnte auch sein, dass es gute Gründe gibt, nicht daran zu rühren. Schließlich gibt es genug Schrecken. Bleiben wir bei den kleinen, hübschen Anekdoten, die Mütter gern über ihre Kinder erzählen. Kann ja nicht schaden… Oder doch?
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
Keine Kommentare bislang