Ich war gerade in der Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt der Uni, denn ich bin ja immer in der Uni, wenn Junior seinen Kurs hat. Die Werkstatt kenne ich noch aus der Zeit, als ich selbst hier studiert habe (ist schon ein paar Donnerstage her). Eigentlich wollte ich nur etwas Luft auf meine Reifen haben und eine Idee, ob sich eine Reparatur meines Rads wohl noch lohnen würde. Denn es ist nicht mehr das jüngste und ich habe es einfach nur gefahren, ohne mich groß drum zu kümmern. Daher habe ich mich auch ein bisschen geschämt, mit diesem ungepflegten Rad in die Werkstatt zu gehen. Aber was soll ich sagen? Ich habe nicht nur Luft bekommen. Die Schaltung funktioniert jetzt auch wieder. Und es knarzt nicht mehr. Es ist nicht alles hoffnungslos!

Die schlimmsten Dinge hatte ich mir ausgemalt. Nicht zu retten, uralt, die Reparatur würde mehr kosten als ein neues Rad… Letztlich hat es mich nur Überwindung gekostet. Ein bisschen Scham. Und 3,50 Euro.

Was war passiert? Eine kleine Zeitreise, mal wieder. Denn ich kenne diese Fahrradwerkstatt recht gut, habe während des Studiums häufig dort Freistunden verbracht oder meine Mittagspause. Das war aber nicht so, weil ich ständig mein Fahrrad reparieren musste (ich bin damals gar nicht Fahrrad gefahren!), sondern weil mein Freund dort gearbeitet hat. Der war immer mit einem seiner vier Fahrräder unterwegs und wollte mich damals gern bekehren, mich zu einem Fahrrad-Fan machen.

Daher hat er mir ein Fahrrad gebaut. Ab und zu wurden der Werkstatt alte Räder gespendet und aus diesen Teilen (und ein paar neuen Reifen, Schläuchen und ner Kette und so) hat er mir ein Rad gebaut. Das habe ich damals zum Geburtstag bekommen. Vielleicht 2010 oder 2011? Dieses Fahrrad fahre ich bis heute. Es hat aber gedauert, bis ich wirklich von Bus und Bahn aufs Rad umgestiegen bin. Der Freund hat das gar nicht mehr mitbekommen, denn da waren wir längst nicht mehr zusammen.

Fahrrad ist zum Fahren da!

Ich finde ja: Ein Auto ist, wenn’s fährt. Wie es aussieht oder was es Tolles kann, ist mir egal. Und beim Fahrrad ist es genauso. Du merkst also: Ich werde wohl niemals diese unendliche Liebe spüren, die echte Schrauber zu ihren Rädern haben. Das ist aber auch okay für mich (und ich hoffe für die wahren Liebenden auch).

Was hatte ich also gemacht? Ich hatte mein Fahrrad gefahren. Bei Sonne, bei Regen, immer. Ab und zu hatte ich neue Luft auf den Reifen gebraucht, aber sonst nix. Irgendwann ging das Licht nicht mehr, das war okay für mich. Erst bin ich eine Weile ohne gefahren (ja, ich weiß, gefährlich und verboten und richtig dumm!), dann habe ich mir Licht zum anklemmen gekauft. Das war die pragmatische Lösung. Dann ging die Schaltung kaputt. Also bin ich ohne Schaltung gefahren, im höchsten Gang (nicht so schlimm, sind nur drei Gänge und so viele Berge hat Bielefeld ja nicht)…

Dann fingen die Schutzbleche an zu klappern. Durchgerostet. Da konnten die Schrauben nicht mehr halten. Also: Unterlegscheiben, neue Schrauben, fertig. So bin ich eine ganze Weile lang gut gefahren. Habe alles getan, um die Werkstatt zu vermeiden. Denn in meinem Kopf wäre das das Todesurteil für mein Rad gewesen. Meine Vision: Nur Kopfschütteln und das Angebot, man könne es verschrotten.

Jetzt aber zur Hoffnung! (So viele Ausrufezeichen heute…)

Als ich heute in die Werkstatt kam, war jemand da, den ich kannte. Einer der Kollegen, die auch schon damals (2008? 2009? 2010?) dort gearbeitet haben. Und er hat mich erkannt, wie schön! Nicht nur mein Kaffee-Dealer erkennt mich noch, sondern auch hier gibt es bekannte Gesichter. In die Uni zurückkehren ist für mich immer ein bisschen wie nach Hause kommen.

Das Tolle aber ist: Ich darf meine Reifen mit Luft versorgen und ein bekanntes Gesicht sagt mir: „Ich schau mir das gleich mal an“. Fühlt sich gut an. Zweieinhalb Handgriffe und er hat den Zug meiner Schaltung gelöst, ein neues Kettenband montiert und mir ein aufmunterndes „das war’s schon. Aber ohne dass du die Kette gefettet hast, gehst du hier nicht raus!“ geschenkt. Er schaut auch nach der knarzenden Kurbel, fährt eine Runde zur Probe, hört sich das Problem an, noch ein Handgriff. Fertig.

Das Fahrrad ist nicht schrottreif. Es ist nur ein bisschen in die Jahre gekommen. Aber wohl ziemlich gut montiert alles, denn ich habe ja nie was daran gemacht. Es fährt sogar noch auf den alten Schläuchen und Reifen. Also: Danke Marcel. Gute Arbeit.

Und danke Wolfram. Für die Rettung, die nur dreieinhalb Handgriffe benötigte. Und für die entspannte Haltung, die Mahnung und den gutgemeinten Druck, mich nicht ohne Kettenöl zu entlassen.

Es gibt ganz viel Gutes da draußen. Gute Leute, gute Ideen, gute Dinge, die passieren. Und Hoffnung. Hoffnung für hoffnungslos gefahrene Fahrräder und hoffnungslose Fahrradfahrerinnen. Und manchmal rettet diese Hoffnung nicht nur den Tag, sondern auch das Vertrauen in die Welt. Es gibt solche Tage und vielleicht war das heute viel, viel mehr als eine Fahrrad-Reparatur.

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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