Ich habe die helle Haut von meiner Mutter geerbt. Die roten Haare nicht, aber die Haut. Sie ist ein bisschen eigenwillig, nicht so robust, wird schnell trocken, schuppt sich gern mal und bekommt Stress bei zu viel Sonne. Sonne ist wirklich ein Problem, je weiter ich Richtung Süden komme, umso schlimmer wird es. Dann gibt es nicht nur Sonnenbrand, sondern auch ne Sonnenallergie, richtig unangenehm ist das.

12. Klasse, Kursfahrt mit dem Latein-LK, 10 Tage Golf von Neapel. Wir waren auf den Spuren von Plinius dem Jüngeren unterwegs , der ja als Augenzeuge bei dem katastrophalen Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 dabei war und den wir im Vorfeld als Quelle gelesen hatten. Aber auch auf den Spuren von Ovid wandelten wir, man kann so einige Orte aus den alten Werken heute noch begehen. Und wir schauten uns Rückzugsorte römischer Kaiser an – natürlich waren wir auch auf Capri.

Meine Haut fand die Idee, bei 40 Grad zwischen alten Säulen in der Mittagssonne herumzulaufen, nicht so gut. Und als meine Arme nach wenigen Tagen schon mit kleinen Pusteln übersät waren, ging ich nur noch langärmelig. Das sieht auf den Bildern dieser Klassenfahrt echt witzig aus, alle sind so knapp bekleidet wie es ging, nur ich nicht. Ich hatte in Pompeji einen Pulli an und schwitzte mich tot. Aber besser, als völlig überforderte Haut. Tja…

Klar hatte ich in der Pubertät mit Pickeln zu tun, aber nicht so schlimm wie andere. Es gibt keinen schlimmen Pickel, der mir ein Date versaut hätte oder so, nein, da steckt kein Thema drin, keine Story. Auch in den Sommersprossen nicht. Die gehören halt zu mir, ich kann nichts dafür oder dagegen tun. Und die Muttermale auch. Mein Leben lang habe ich ein kleines Dreieck aus Muttermalen am rechten Arm, also falls mich mal jemand zerstückeln sollte und man findet nur den Arm, dann kann man den zuordnen. Beruhigend.

Ich finde Haut als Thema grundsätzlich nicht so spannend, dabei steht hier „schreib über Haut“ und dann „schreib über Rassismus“. Ich darf aber auch hier vermelden, dass ich Farben von Haut einfach unwichtig finde. Zustände von Haut, okay. Aber Farbe? Vielleicht bin ich zu behütet aufgewachsen, aber in meiner Erinnerung war das generell kein Thema. Auch nicht aus Versehen übrigens, kulturelle Aneignung oder so. Kein Blackfacing zu Karneval, nix.

Mir war völlig egal, welche Hautfarbe jemand hatte und woher die Eltern oder Großeltern ursprünglich mal stammten. Klar, ich kann nicht mitreden, denn ich bin privilegiert und weiß nicht, wie das ist mit dem Rassismus, aber ich sag’s ganz ehrlich: Der spielte eine lange, lange Zeit für mich überhaupt keine Rolle – und auch nicht für meine Freunde mit türkischen, polnischen, russischen und anderen Wurzeln – das Gefühl hatte ich jedenfalls, denn Thema war es nie.

Die Sache mit dem Rassismus ist einfach auch etwas, das von den richtigen Leuten erzählt werden muss. Daher fand ich den „anderssein“ Podcast von und mit Minh-Khai Phan-Thi so gut. Denn wie es sich wirklich anfühlt, als „anders“ wahrgenommen zu werden, das können nur Menschen erzählen, die es erlebt haben und immer noch erleben.

Gerade die ersten Folgen des Podcasts fand ich manchmal schwer zu ertragen, weil ich mich so schämte für diese Gesellschaft, in der bestimmte Menschen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Aber genau so müssen Geschichten sein. Sie müssen auch wehtun, auch schockieren, damit sie etwas auslösen. Man kann nicht einfach immer so weitermachen, daher ist es ja gut, wenn Menschen ihre Geschichten erzählen. Hören wir ihnen zu. Und nehmen wir alles, was sie sagen, ernst.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

3 Antworten

  1. Ich wollte eigentlich schon weiter gehen im Feed und nichts schreiben, einfach weil es schwierig ist. Das Thema Rassismus, das Thema, es selbst nie mitbekommen zu haben, weil es auch nie thematisiert wurde. Das fiese am Rassismus ist ja, dass er in Formen auftritt, die einen selbst nie betreffen, eben aufgrund der eigenen Hautfarbe und der eigenen Privilegien. Der Rassismus bei der Wohnungssuche, bei Bewerbungen um Arbeitsstellen, bei Behördengängen und bei Polizeikontrollen. Alles jetzt nur angeschnitten, aber Dinge, die einem im eigenen Leben kaum berühren, wenn die richtige Hautfarbe und der richtige Name vorhanden ist. Dinge, die einen selbst zum Vorteil werden, ohne dass wir es bemerken. Dinge, über die wir dann erstaunt sind, die uns negativ berühren, wenn uns dann eine betroffene Person darauf anspricht und uns klar macht, dass wir von diesen Strukturen profitieren. So wie Männer von den patriarchalen Strukturen profitieren, es aber nicht wahrhaben wollen.

    Alles kein Vorwurf, aber dieses nicht-Sehen ist halt auch immer etwas, was in den Büchern, die von Menschen mit Rassismuserfahrung geschrieben wurden, Thematisiert wird.

    • Vorwurf oder nicht, aber in meiner Schulzeit war es einfach nie Thema. Und woher soll ich es nehmen, wenn es einfach nicht da ist? Mir ist meine privilegierte Stellung völlig klar, das habe ich ja auch geschrieben (wobei der Nachname eben auch nicht Müller ist). Ich denke eben, dass es mehr Geschichten braucht, gerade für die, die es nicht sehen. Das ist wie mit (sexuellen) Übergriffen gegenüber Frauen. Es gibt Männer (in meinem Alter!), denen ich von meinen Erlebnissen erzählt habe und die sagten: Aber so etwas gibt es doch nicht mehr heutzutage!

      Es ist der gleiche Effekt – es ist so lange kein Thema, bis es eins wird. Weil da jemand betroffen ist. Wichtig ist, das dann auch zuzulassen und zu reflektieren und eben zu sagen: Scheiße, ich habe das nicht gesehen, aber jetzt seh ich es und ich nehme es ernst und ich mache den Mund auf, wenn was passiert.

    • Ich habe es tatsächlich in einigen Situationen erlebt. Ich war zwar nicht selbst betroffen, aber Klassenkameraden, die schlechter Benotet wurden, in Deutsch zum Beispiel, weil da können Menschen mit Migrationshintergrund halt nur eine bestimmte Note erreichen – O-Ton der Lehrerin. Aber das meiste habe ich natürlich aus Bücher von Betroffenen – gerade lese ich „Rausländer – unsere Koffer sind gepackt“ von Waslat Hasrat-Nazimi. Aber auch „Die Schönheit der Differenz“ von Hadia Haruna-Oelker ist ein wichtiges Buch, was ich vor kurzem gelesen habe, und noch einige mehr, zum Beispiel diese hier –> https://lesensiegut.de/?s=Rassismus

      Nur deswegen hatte ich auch den drang, hier doch etwas zu kommentieren. Nicht als Vorwurf, sondern eigentlich als Ergänzung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert