Für die Kinder, sagt sie oft, die Kinder finden das doch so toll! Wie schön, wenn alle zusammenkommen und wir dann gemeinsam Zeit verbringen. Das ist den Aufwand doch wert! Und sie kauft ein, sie plant, sie dekoriert, sie rührt Dips zusammen und bereitet vor, was sie kann. Sie sagt: Aber ihr müsst alle ein bisschen früher kommen und helfen, sonst klappt es nicht! Aber egal, wie früh sie kommen und egal wie gewissenhaft sie schnippeln – es wird trotzdem auf den einen Satz hinauslaufen: Ich muss hier ja auch alles alleine machen! Stress und Frust und Aufregung. Und alle wissen es. So ein Käse! Das Problem an diesem Käse: Er ist hausgemacht.
Es ist völlig egal, mit wem ich spreche, geht es um das ach so besinnliche Weihnachtfest, dann geht es um Stress. Stress in der Planung (wo feiern wir, was essen wir, wer bringt was mit, Bescherung vor oder nach dem Essen…), Stress in der Ausführung. Stress, weil wir lieber alles machen wie immer, als einfach auf den ganzen Bumms zu verzichten und Pizza zu bestellen.
Da sind Eltern, die Weihnachten zum Anlass nehmen, endlich mal ihre (erwachsenen) Kinder wiederzusehen. Gut. Aber wäre das der wichtige Part an der ganzen Nummer, dann wäre es doch egal, ob es nun Rotkohl und Klöße gibt und ob der 5-jährige Enkelsohn früher vom Tisch aufsteht, weil er nunmal hibbelig ist und mit seinem coolen neuen Spielzeug spielen will.
Es müsste egal sein, wie der Tisch gedeckt ist, denn es ist niemandem wichtig, es sind nur die Bilder in den Köpfen, die den Stress auslösen. Ein festlich geschmückter Baum, echte Kerzen, diesdas… alles hübsch, wenn man’s mag – aber es geht doch auch ohne? Das Kind glaubt noch an den Weihnachtsmann – daher muss es an Heiligabend einen Baum geben – diesen Zusammenhang habe ich zwar nicht verstanden, aber das scheint ein Argument zu sein für ein Fest in genau dem Haushalt, in dem die Kinder leben. Verrückt, oder?
So streitet man sich hin und her, schon Wochen vor der großen Nummer sind alle angepisst. Und am Ende steht wieder jemand (es ist eigentlich immer die Mutter!) in der Küche und flucht, dass ihr niemand hilft. Die vielen Fragen und Hilfsangebote vorher hat sie nicht gehört, nicht hören wollen. Ist sie erst in ihrem Modus, hat sie vergessen, dass es die Fragen überhaupt gab.
Und wer ist am Ende Schuld? Die Kinder! Denn die finden das doch so toll. Wären die Kinder nicht, dann könnten wir ganz entspannt Weihnachten feiern. Dass das niemandem auffällt, ist wirklich gruselig. Denn schaut noch mal auf die Wunschzettel: Auf meinem würde stehen: Entspannung. Weihnachten ohne Bauchschmerzen. Auf Juniors steht: Ein Basketball (und jemand, der ihn mit ihm gemeinsam benutzt). Ich wette, dass auf kaum einem Wunschzettel steht: Ein perfektes Abendessen und Deko, die alles übertrifft, was es in den Vorjahren gab.
Es sind nicht die lieben Kleinen. Es ist hausgemachter Käse.
Ich mach das ja auch gern (für euch)
Den Pizza-Vorschlag mache ich jedes Jahr, aber das gilt wohl selbst in unserem Clan von nicht-gläubigen Menschen als Frevel – denn die Kinder wünschen sich doch so sehr das aufwendige und teure Essen. Außerdem: sie leidet gern für die Kinder.
Es ist ein bisschen gut, dass die angespannte Situation dann während des Essens ruhiger wird. Wenn alle mit Essen beschäftigt sind und feststeht: Die Aufregung und der Stress haben sich gelohnt, es schmeckt ja allen und sie haben Freude an dem Aufriss! Klar, so ist es. Aber es wäre bei Pizza nicht viel anders gewesen. Nichts Besonderes, stimmt natürlich. Aber das Mittel zur Vermeidung von wochenlangem Stress.
Alle wissen es. Aber das ist egal, denn sie werden den Stress und den schmerzlichen Satz über sich ergehen lassen, wie jedes Jahr. Sie werden still sein und auf keinen Fall widersprechen, denn sie hat sich ja so viel Mühe gegeben und das für uns. In ihrem Kopf ist das so. Ich hätte es gern anders, aber das ist hier nicht der Punkt. Denn dieses ist nicht mein Käse. Ich muss ihn nur essen.
Und natürlich kenne ich das auch von mir
Nicht zu Weihnachten, aber im Alltag, gegenüber Freunden, Bekannten, Mentees und Kundinnen. Und auch Junior bekommt davon was ab. Ich nehme Dinge zu mir, versuche Erwartungen zu erfüllen, alles zu schaffen. Bis es dann nicht mehr geht und in meinem Kopf aufploppt: Wieso hilft mir eigentlich keiner?
Das ist hausgemachter Käse. Und ich arbeite dran. Ist gar nicht so einfach, das merke ich seit Jahren.
Vielleicht ist es egal, ob die Wäsche gewaschen ist, obwohl Juniors Lieblingstrikot im Wäschekorb liegt. Er geht auch in einem stinknormalen T-Shirt zum Sport. Vielleicht ist es egal, ob das Toastbrot alle ist, denn verhungern werden wir trotzdem nicht. Ich muss noch, ich muss noch, ich muss noch… Das ist in meinem Kopf, es ist mein Käse. Und ich weiß, dass das nicht wegen der Kinder ist, sondern nur in meinem Kopf.
Denn ich habe dieses Kind doch erzogen und es ist ihm scheißegal, ob er nun Toast oder Cornflakes isst und welche der drei Sporthosen er trägt. Er würde wie ich immer Pizza wählen, wenn er dadurch eine entspannte Mutter und Großmutter bekommt.
Vielleicht sollten wir mehr darauf vertrauen, dass wir in der Erziehung den Grundstein für Pizza gelegt haben: Dass es nämlich nicht um Deko und Geschenke geht, sondern um Menschen. Und um gute Gefühle. Die Kinder wissen das.
Alles andere ist hausgemachter Käse.
Dieser Beitrag ist in der 63. Blognacht entstanden. Das Impulsthema: „Hausgemachter Käse“
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6 Antworten
Deine Beschreibung hat mich sehr angesprochen, aus einer gewissen Faszination heruas. Diese Art von Weihnachtsfest ist schon lange nicht mehr mein Käse. Das liegt zum einen daran, dass ich keine Kinder habe und zum anderen liegt es daran, dass ich mich schon vor langer Zeit von Familienerwartungen abgekoppelt habe und lieber alleine gefeiert habe. Genauso wie ich es wollte: mit Weihnachtsbaum und leckeren Essen, ganz alleine für mich gekocht. Das war sogar noch zu den Lebzeiten meiner Eltern, doch die sind inzwischen bald 30 Jahre tot. In meinen Beziehungen war es immer relativ entspannt und mit meinem jetztigen Partner gestalten wir es so, wie es uns gefällt. Er ist ein totaler Weihnachtsfan und zugleich will er nicht, dass es Stress gibt oder ich mir welchen mache. Und so freue ich mich auf die bevorstehenden Weihnachtstage.
[…] Wie immer schließt mein eigener Artikel hier die Liste ab, eine Geschichte über Weihnachten, über Stress und die Erkenntnis: Nicht mein Käse! Hausgemachter Käse […]
Vielleicht liegt da die Idee zugrunde, dass die Weihnachtsvorbereitungen hart und stressig sein müssen, damit alles „richtig“ ist und nicht „geschummelt“. Vielleicht fällt eines Tages der Herd aus, Pizza-Bestellung ist die Rettung und wird dann zum festen Ritual. Die Idee mit dem Pizza-Grundstein finde ich jedenfalls super! Liebe Grüße, Astrid
Ach, irgendwann wird der Vorwand „für die Kinder“ nicht mehr ziehen, dann kann neu verhandelt werden. Bis dahin werde ich weiter den Pizza-Vorschlag machen und dann den Kopf einziehen, weil er selbstverständlich nicht angenommen wird. Letztlich ist es eine Frage des Systems und ob man es ins Wanken bringen oder sprengen möchte. Liebe Grüße, Anna
Aus dem Grund bin ich seit 2014 Weihnachtsschwänzerin, keine Lust mehr auf angespannte Stimmung anderer Menschen. Zu Ostern habe ich, bevor ich auch das Fest aus unchristlichen Gründen abgeschafft habe, für zehn Leute nur noch Pasta Bolo anstatt deutsches Drei-Komponenten-Essen auf den Tisch gestellt (die Soße lässt sich entspannt am Vortag kochen). Es wurde kurz gezuckt und dann für super befunden, denn das mögen alle.
@Pizza Einfach mal machen!
Es ist ja nicht mein Haushalt, nicht mein Käse. Und solange das so ist, kann ich nichts weiter tun, als den Pizza-Vorschlag zu wiederholen. Immer und immer wieder. Und in dem Wissen, dass er nicht gehört wird.