Gestern am frühen Abend war ich auf dem Rückweg nach hause und habe in den aktuellen Newslettern in meinem Posteingang quergelesen. Der von Ali Abdaal teaserte (mal wieder) eine große Transformation an: „The rusty tap theory that changed my creativity“. Ah, eine dieser „Muss-ich-wissen-Betreffzeilen“- zieht immer noch bei mir, obwohl mich das langsam ermüdet. Und wieder (ich spoilere): Nicht so richtig viel dahinter. Trotzdem schreibe ich hier darüber, denn es passt zu meinem eigenen Vorhaben, wieder ein bisschen anders zu schreiben.
Der Hintergrund: Ali hat die „rusty tap theory“ in irgendeinem Interview mit Ed Sheeran gefunden und sie besagt in etwa, dass dein Schreiben nach einer (längeren) Pause eingerostet ist und dass dann, wenn du wieder einsteigst, alles nicht so flüssig, strukturiert, originär und sinnvoll läuft wie gewohnt.
Wie eine Wasserleitung, die du lang nicht genutzt hast und dann kommt am Anfang erstmal undefinierbare, manchmal bräunliche Suppe aus dem Hahn und eben kein klares, frisches Wasser. Also keine klaren, frischen Gedanken und Formulierungen, sondern Quatsch, Kauderwelsch, wie auch immer man das nun nennen möchte.
Das bedeutet aber natürlich nicht, dass das Wasser im Speicher schlecht ist, sondern dass die Leitungen durchgespült werden müssen, damit die Klarheit wieder durchkommt. Und die Lösung dafür hat nun eben Alis Kreativität völlig verändert (siehst du mein Augenrollen?).
Alter Wein in neuen Schläuchen: Funktioniert aber trotzdem
Die Wunder-Lösung hat Ali in irgendeinem Online-Workshop gefunden, ausprobiert und dann natürlich im Newsletter übersichtlich als Prozess in 5 Schritten erklärt:
1. Öffne ein leeres Dokument zum Schreiben.
2. Stell dir einen Timer auf 10 Minuten.
3. Fang an zu schreiben.
4. Schreib weiter, bis die 10 Minuten rum sind. Du darfst nicht löschen oder im Text zurückgehen. Immer weiter schreiben, ohne auf Tipp- oder Rechtschreibfehler, auf Konsistenz, auf Stil und auf Logik zu achten. Der Quatsch soll ja raus – erinnere dich an die Wasserleitung, die du durchspülen willst.
5. Hör auf, wenn der Timer piept (oder brummt oder klingelt oder was auch immer).
Nicht nur Autorinnen, Texter, Bloggerinnen und Schreibtrainer dürften jetzt auch die Augen rollen: Das ist Freewriting, nichts anderes. Und es ist so ziemlich das erste, was man lernt, wenn man sich mit (kreativem) Schreiben, Schreibprozessen und Schreibblockaden beschäftigt.
Was ich hier noch ergänzen möchte: Bei richtig üblen Blockaden ist Tippen gar nicht die beste Lösung, dann nimm lieber Papier und nen Stift, auch wenn deine Hand nach 10 Minuten Schreiben schmerzen wird. Schreiben von Hand ist der komplexere motorische Vorgang, da sind mehr Hirnregionen beteiligt und das merkst du am Ergebnis. Außerdem kann es nicht schaden, das Schreiben von Hand (wieder) zu üben – wenn du das öfter machst, schmerzt da auch nix mehr.
[Ich habe natürlich auch schon über Freewriting geschrieben – falls du eine ausführlichere Anleitung brauchst, kannst du drüben auf dem Hauptblog nachlesen.]
Das Freewriting kann ja nix dafür – die Methode ist gut
Ein bisschen anders – nicht in 5 Schritten, sondern in 3 Regeln – erklärt es Doris Dörrie: „Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen.“
1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Lass dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.)
3. Kontrollier nicht, was du schreibst. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.
Alle paar Jahre nehme ich Doris Dörries‘ Buch über das Schreiben wieder in die Hand, lese darin, mache mir Gedanken und bleibe doch nie dran. „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) mag ich deswegen so gern, weil es so weit weg ist von meinem eigenen Schreiben. Ich steh ja auf logische Erklärungen und wenn ich selbst über meine Themen schreibe, dann wenig intuitiv – ich hoffe immer, dass das nicht so auffällt.
Aber die Art, wie Doris Dörrie zum Schreiben einlädt, ist spielerisch, intuitiv, assoziativ. Sie zeigt, wie wir schreibend die Welt und uns selbst erforschen können. Vor zwei Jahren hatte ich hier schon mal über diesen „Ratgeber“ geschrieben und dass ich mich zwar immer wieder mitnehmen und treiben lasse, aber nie die Einladung annehme, also nie die Impulse schreibe.
Diesmal mache ich es anders. Ich lese und schreibe (und atme). Hier. Du kannst mich in den kommenden Wochen dabei begleiten. Lesend, gern auch schreibend und kommentierend. Vielleicht finden wir ja was Neues über uns und die Welt heraus…
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
3 Antworten
[…] Koschinski taucht richtig ein in „Leben, Schreiben, Atmen“ und veröffentlicht ihre Freewriting-Texte. Liebe alles […]
Wie cool! Ich bin so gespannt auf deine Texte und Experimente zum Buch und freue mich schon drauf. Liebe Grüße, Astrid
Das Ding an den Tricks und Tipps, die im Internet und Posteingang kusieren ist, dass die wenigsten sie beherzigen. Deshalb werden sie immer und immer wieder wiederholt, umformuliert und mit Marketing-Bla-Bla angepriesen.
Ed Sheeran ist natürlich ein guter Aufhänger, um den alten Schreibtrick als bahnbrechenden Schreibhack zu promoten.
Auch in Ratgeber-Büchern steht oft das gleiche nur mit anderen Worten und anderen Geschichten um die Kernideen drumrum.
Weil die Leute (mich inklusive) die Tipps nicht beherzigen und denken, der eine, ja der nächste Tipp bringt den Durchbruch, hat sich ein Tippgeber-Okosystem entwickelt, dass richtig viel Umsatz generiert.
Ich weiß nicht, ob ich hier noch auf den Beitrag antworte, weil ich den Anfang wieder vergessen habe oder ob es schon Freewriting ist.
Jedenfalls habe ich jetzt mehr eine Idee, was es heißt, einfach drauflos zu schreiben.