Süßlich war er sowieso, man hätte keinen Zucker gebraucht. Aber mit Honig war er noch besser. Dieser Früchtetee, den es immer gab, war kein teurer, feiner Tee, sondern irgendeine Mischung aus dem Aldi oder so. Viel Kirsche, vielleicht Brombeere. Loser Tee, es wurde morgens immer welcher für uns aufgegossen. Auch später noch, nach der Trennung meiner Eltern, gab es diesen Tee bei meinem Vater.
Es gab ihn auch an diesem Morgen, an dem alles schieflief. Wir frühstückten, es gab Salamibrot und diesen Tee, aber er war aufgewärmt, von gestern noch. Manchmal kochten wir ganz viel davon, ließen ihn abkühlen. Dann gab es Tea and fruit, bei uns mit O-Saft, natürlich Beckers Besten, drunter machen wir es nicht.
An diesem Morgen aber gab es aufgewärmten Tee. Auch nicht schlecht. Aber bevor ich mein Frühstück beendet hatte, stand mein Bruder auf und lief hektisch Richtung Badezimmer. Ich konnte es nicht hören, mir aber vorstellen. Und ich sah sein blasses Gesicht, als er wiederkam. Keine fünf Minuten später kam mir selbst das Frühstück hoch.
Wir blieben an diesem Tag zuhause. Und rätselten bis zum Abend, was uns da so krank gemacht hatte. Wir verdächtigten den Tee, (obwohl alles andere naheliegender war). Den Tee hatten wir beide getrunken und er war ja nicht frisch gewesen! Klaro, dass der sofort wieder raus musste, das hatten unsere Körper einstimmig entschieden. Oder aber unsere Körper brauchten einen Tag Pause, ein Tag, den wir spielend verbringen konnten.
Ich weiß nicht mehr, was wir taten, aber wir waren zusammen, wie so oft damals. Uns ging es nicht so schlecht, dass wir im Bett liegen mussten (wann ist das schon so?), also daddelten wir vermutlich, dachten uns Spiele aus, lasen Comics.
Am Nachmittag meinte mein Vater, es ginge uns gut genug, dass wir ihn zum Einkaufen begleiten durften. Und wir durften uns jeder ein Heft aussuchen, cool, da wird man doch gern mal krank. Ich weiß nicht mehr, was ich mir aussuchte, aber auf jeden Fall hatten wir ein Micky-Maus-Heft. Aber als wir zuhause ankamen, waren wir enttäuscht: Das Extra fehlte! Und eine Micky Maus ohne Extra war ja nur halb so viel wert!
Lautstark müssen wir uns beschwert haben, bis unser Vater noch mal losging, um das Heft umzutauschen. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat, entweder er war an eine total kulante Kassiererin geraten, oder er hatte das Heft noch mal gekauft. Er kam zurück mit einem Heft und dem Extra. An solchen Tagen war er ein Held.
Viele Jahre später, viele Jahre nach seinem Tod, schenkte mir mein Bruder eine Packung Tee zu Weihnachten. Ich verstand die Geste nicht, denn ich hatte keine Erinnerung an diese Packung, nicht mal so richtig an den Tee. Aber das war der Tee, den es immer bei uns gegeben hatte, Kirsche und noch irgendetwas anderes. Dieser Tee, der auf dem Tisch stand, als meinem Vater schon morgens die Hände zitterten. Der Tee, der keine Rolle mehr spielte, als mein Vater nicht mehr da war.
Ein Früchtetee vom Aldi. Vor einiger Zeit habe ich mal danach gesucht, aber er wird wohl nicht mehr hergestellt. Und jeder Versuch, etwas ähnliches zu finden, scheiterte. Vielleicht lässt sich Tee einfach nicht gut aufwärmen.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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