Abgeklebt war es. Die Steckdosen abgeschraubt, klar. Man hätte eigentlich die ganze alte Tapete von der Wand reißen wollen, aber in diesem Zimmer lohnte es sich nicht. Außerdem schützt das Tapezieren ja vor dem Streichen nicht. Jemand, der (wie ich) alles gern ordentlich macht (denn wenn man es gleich richtig macht, muss man es nicht zweimal machen), mag den Vorgang des Streichens vielleicht gar nicht so gern. Die großen Flächen mit der Rolle in Farbe tauchen, okay, nicht so spannend. Aber dann, in die Ecken und die kleineren Flächen… Das ist doch was, worin man aufgehen kann. Nervig finde ich ja, dass man das oft mehrfach machen muss – je nach Farbe und Zustand der Wand und so. Aber wenn es dann fertig ist, dann soll auch bitte alles so bleiben wie es ist. Und es soll nicht unachtsam beschmutzt werden. Dann hilft ein Schild (für den Mitbewohner): Frisch gestrichen.
Jedenfalls dieses Zimmer. Das Zimmer, in dem wir eben nicht die Tapeten von der Wand gerissen hatten. Nur streichen, das reicht, meinte mein Bekannter J, der Maler ist. Denn der Zustand war okay, hier waren die Tapeten nicht von Zigarettenrauch durchzogen. Und dieser Riss da, wo die Tür zugemacht worden war? Steht wahrscheinlich unter Spannung, sagte J, kann man nichts machen. Also drüberstreichen und darauf warten, dass der Riss wieder durchkommt.
Ich bin ja sehr gut darin, mit Provisorien zu leben (hier habe ich schon mal darüber geschrieben), aber ich wollte es gern EINMAL schön haben. Das ist wie zum Friseur gehen nach langer Zeit, da möchte ich doch auch das volle Programm mit Föhnen und Legen und so – EINMAL will ich im Spiegel sehen, wie sich der Friseur oder die Friseurin das eigentlich gedacht hat. Nach der ersten Haarwäsche föhne ich es eh wild und knubbel es wieder zusammen, damit mich das Haar im Alltag nicht nervt, aber einmal… Einmal so aussehen wie eben frisch-vom-Friseur. Frisch gestrichen.
Der Riss ging natürlich nicht weg, sobald die Farbe trocken war, sah man ihn wieder. Also was tun? Etwas davorstellen? Ich hatte kein passendes Möbelstück. Also einfach so lassen. Das frisch-gestrichen-Gefühl in diesem Raum ignorieren. So mache ich das bis heute.
In den anderen Räumen hielt es übrigens auch nicht sooo viel länger. Im Flur schnitt der Elektriker eine Stelle aus, weil er an irgendeine Anschluss-Stelle musste. Im Flur… na ja, das ist halt ein Flur. Hier mal mit der Jacke an der Wand langgezogen, da mal nebeneinander hergedrückt, weil es eben ein schmaler Durchgang ist. Und die anderen Räume? Irgendwas gegen die Wand gelehnt, ne scharfe Kante, Macke in der Tapete. Oder etwas dran langgezogen, das abfärbt, zack, ein Fleck. So läuft das eben.
Und wenn es nur kurz ist… Fürs Gefühl.
Und dennoch mag ich das frisch-gestrichen-Gefühl. Beim Friseur, bei kleinen Renovierungsmaßnahmen (schau mal, ist das nicht toll geworden?), sogar – oder ganz besonders – bei aufgeräumten Küchen. Es gab eine kurze Zeit in meinem Leben, da hatten wir eine Putzfrau, Frau Markovitch, und wenn sie da war, dann hatten meine Eltern diesen strengen Ausdruck in der Stimme, wenn etwas verschüttet wurde oder wenn wir Sand und Erde mit in die Wohnung brachten. Sie sagten: „Frau Markovitch hat gerade geputzt!“
Ein Ausdruck ihres „frisch-gestrichen-Gefühls“, da bin ich sicher. Das kennt man auch von diesen Renovierungs-und-Einrichtungs-Sendungen, die es mal im Fernsehen gab (oder noch gibt?). Da bekommen die Familien (meistens sind sie irgendwie vom Schicksal gebeutelt, damit man ne gute Geschichte drumrum erzählen kann) eine rundum-erneuerte Wohnung. Alles wird rausgerissen und verbessert, das Handwerker-Team und die Innenarchitekten geben alles, damit es dann EINMAL so richtig schön ist. Deko hier, Ordnung da. Aber ich wette: Nach einer Woche sieht es auch in diesen alles-schick-und-neu-Wohnungen aus, wie es eben aussieht, wenn man da wohnt.
Und das ist das Gute am frisch-gestrichen-Gefühl. Es ist toll, wenn es frisch ist. Und dann, je länger man lebt und wohnt, umso entspannter wird man. Wenn eben nicht alles perfekt und hübsch ist, dann ist ein weiterer Fleck nicht schlimm. Wenn man acht Wochen nicht beim Friseur war, dann ist eine Woche mehr auch egal. Wenn man einen Riss in der Wand hat, dann macht es nichts, wenn die Fußleiste schief ist, weil eben die Wände schief sind. Oder wenn die Küche keine Abschluss-Leisten hat oder wenn das schlecht verlegte Laminat im Schlafzimmer sich wellt. Hier kann man leben, aber eben kein Schild aufstellen, auf dem steht „frisch gestrichen“.
Ich finde, das ist ein sehr beruhigender Gedanke: Dass wir uns über frische Anstriche freuen können, aber dass wir dann auch einfach loslassen können. Das Etablierte wird Alltag. Wir können Dinge benutzen, ohne Sorge zu haben vor Kratzern, denn die kommen sowieso. Sie sind Hinweise auf Leben, auf Miteinander, auf Geschichten.
Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, dann ist es mit den Kratzern in und auf uns auch so. Jede Narbe erzählt eine Geschichte. Das bedeutet nicht, dass wir unachtsam miteinander umgehen sollten, überhaupt nicht, nein, es müssen nicht unnötig neue Narben dazukommen. Aber wir dürfen verstehen, dass Macken uns nicht umbringen. Sie erzählen von unserem Leben. Und es gibt Dinge, die wir ohne Sorge tun dürfen, ohne Angst davor, uns dreckig zu machen. Denn das „frisch-gestrichen-Gefühl“ ist schon ziemlich lange her.
Dieser Beitrag ist in der 67. Blognacht entstanden. Das Impulsthema: „Frisch gestrichen“
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3 Antworten
Gestern noch habe ich über Narben nachgedacht.
Narben an unseren Körpern.
Narben in der Kommunikation.
Vielleicht nutze ich ja noch meine Gedanken und blogge nachträglich den Impuls…
Du weißt ja: Es sind nur Impulse. Wenn bei dir was aufploppt, dann nutz alles was da ist… „Narben“ – auch so ein Impuls, über den sicher jeder und jede was schreiben könnte. Meine Narben sind (fast) nicht sichtbar, nur dann, wenn man weiß, wo man suchen muss.
[…] Mein eigener Artikel soll hier wieder die Liste abschließen – natürlich zum Impulsthema. Ich schreibe über das frisch-gestrichen-Gefühl, warum es oft nur so kurz anhält und warum das vielleicht gar nicht schlimm ist: Frisch gestrichen […]