Als ich klein war, gab es viele Informationen, die nicht bei mir landen durften, so hatte man beschlossen. Denn: Anna verplappert sich. Ob das nun mit der Sprachbegabung zusammenhing oder ob es daran lag, dass ich erst lernen musste, wie man lügt, ist eigentlich egal. Jedenfalls wurden bestimmte Dinge nicht mit mir geteilt. Geschenke für die Brüder? Sag’s nicht Anna! Überraschungen aller Art? Bloß nicht an Anna weitergeben! Die kann ja nichts für sich behalten!

Ich selbst weiß nicht (mehr?) viel von dieser Plapper-Angewohnheit, nur an eine einzige Szene kann ich mich erinnern. Da wusste ich, dass mein Bruder den drölfzigsten Band seiner Buchreihe geschenkt bekam. Dieses Buch war verpackt, hatte also Buch-Geschenk-Form. Und es stand auf dem Geburtstagstisch. Es stand. Und zwar in der Nähe der Geburtstagskerzen und des Geburtstagskuchens.

Wir hatten zwar einen sehr stabilen und robusten Tisch, aber wenn jemand dranstößt, dann kippen aufgestellte Bücher schon mal. Also… möglich wäre es jedenfalls. Und als ich eine solche Krise kommen sah, weil ein paar Menschen ungestüm um den Tisch herumliefen, da sagte ich: „Vorsicht! Sonst fällt noch das Buch um!“

Das war so ein Verplappern, bei dem es keinen großen Schaden gab. Denn: Dass das ein Buch war, hätte man eh erahnen können und außerdem stand das Entzaubern, also Auspacken, doch kurz bevor. Ich fand nicht, dass ich ein großes Geheimnis ausgeplaudert hatte. Aber alle verdrehten die Augen. So von wegen: Ach nee, FAST hätte sie es geschafft. Aber dann doch wieder verraten. War ja klar.

Bei dir sind Geschichten gut aufgehoben

Ist man erst einmal auf eine solche Rolle festgelegt, dann kommt man da nur schwer wieder raus. Das setzt sich fest. In meiner Familie gab es immer wieder Situationen, in denen ich dachte: „Hier fehlen mir Informationen. Wieso weiß ich das nicht? Wieso redet denn keiner mit mir?“ Ob das nun mit meinem Überraschungen-Ausplappern zusammenhing, weiß ich natürlich nicht. Aber es könnte ja sein. Dass ich diesen Ruf nie mehr loswerde.

Heute merke ich davon nicht mehr viel und was das Plappern angeht bin ich wohl geheilt. Jedenfalls höre ich von meinen Freunden und Bekannten gern Sätze wie: „Bei dir sind Geschichten gut aufgehoben.“

Und das stimmt. Ich mache nichts damit. Manchmal stelle ich Fragen. Vertiefe bestimmte Aspekte. Aber niemals würde ich Geheimnisse weitergeben, wenn ich Verschwiegenheit versprochen habe. Vielleicht war ich auch nie ein Plappermaul und das war alles ein großes Missverständnis.

Was geblieben ist: Ich kann es nicht leiden, wenn mir Informationen fehlen. Ich habe dann immer das Gefühl, ich kann nicht gut entscheiden. Das macht mich nervös, unruhig, ich denke dann für andere mit, obwohl das gar nicht mein Job ist. Wenn ich aber alle Daten habe, dann kann ich mich positionieren.

Und man kann sich sicher sein: Es gelangen keine Informationen in fremde Hände. Schon gar nicht da, wo sie Schaden anrichten. Wie etwa die Tatsache, dass mein Bruder ein Buch zum Geburtstag bekommt. (Wir bekamen immer mindestens ein Buch zum Geburtstag. Wie auch zu Weihnachten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

Dieser Beitrag ist in der 68. Blognacht entstanden. Das Impulsthema: „Verplappert“

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