Es gab diese Zeit, in der mir alles gelungen ist. Das war in der 4. Klasse, also so zwischen 9 und 10. Schule war damals eh kein Problem, aber manche Fächer mochte ich nicht, Religion zum Beispiel. Ich hatte in der 3. Klasse tatsächlich eine 3 in Religion bekommen – das schafft man ja auch nur, wenn man sehr desinteressiert ist und einfach nicht mitmacht. Na ja, in der 4. Klasse war es anders, selbst die blöde Religion-Lehrerin hatte mir eine 2 gegeben.
Ich war beliebt, ich war Klassensprecherin, alles war einfach und gut. Morgens traf ich meine Gang an der großen Kreuzung, wir kamen alle aus unterschiedlichen Richtungen. Und dann gingen wir gemeinsam, Timo und Hannes und Özlem und ich. Manchmal waren noch mehr da, wir wohnten alle nicht weit voneinander entfernt. Ich liebte diese gemeinsamen Wege. Zusammen unterwegs, zu Fuß, das mag ich heute noch.
In der Schule dann hatte ich aber nur Augen für Martin. Ich glaube, viele der Mädchen fanden ihn irgendwie süß, er war auch einfach sehr hübsch und cool und überhaupt war alles an ihm unglaublich toll.
Meine Freundin Nadine war auch verknallt in Martin, was für eine schwierige Situation. Aber wir waren cool damit, wir schwärmten einfach beide und gemeinsam. Martins bester Freund war André. Der war auch irgendwie cool, aber nicht so cool. Aus heutiger Perspektive würde ich sagen, er wäre die bessere Wahl gewesen, aber hey, was soll man tun gegen diese großen Gefühle, die man eben so hat mit neun Jahren? Eben.
Es gab diesen einen Tag, an dem Nadine bei mir war zum Spielen. Und wir hatten uns verabredet mit Martin und André. Es klingelte und wir rannten runter zur Tür, da standen sie. Aber sie wollten nicht reinkommen, sie hatten was vor. Augen zu und Hand auf, das war die Aufforderung, meine Güte war ich aufgeregt. Und trotzdem habe ich meine Augen zugemacht und nicht mal geblinzelt.
Etwas landete in meiner Hand und dann hörte ich nur noch Schritte und lachen, sie wollten unsere Reaktion gar nicht sehen, waren schon um die Ecke gebogen. In meiner Hand lag ein Ring mit einem grünen Stein. Ein Ring aus dem Kaugummi-Automaten (gibt es die eigentlich noch?).
Nadine hatte einen Ring mit einem roten Stein. Wie lange müssen die beiden am Automaten gestanden haben, um an diese Ringe zu kommen? Denn es kommt ja nicht immer das raus, was man haben will. Also völlig verrückt alles.
Wir haben diese Ringe wie Schätze gehütet. Sie getragen, manchmal, aber oft auch nur darüber nachgedacht, was diese große Geste zu bedeuten hatte. Wir haben nie erfahren, welcher Ring von Martin und welcher von André war. Manchmal sind große Gesten eben nur große Gesten. Aber vielleicht war das die beste Erfahrung in Sachen Liebe, die ich mit neun machen konnte. Liebe ist etwas Geheimnisvolles. Und wenn man nicht drüber nachdenkt, kommt es nicht auf die Farbe an.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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