Ich schaue ungläubig auf den Dienstplan. Das konnte doch wohl nicht wahr sein, ich hatte doch gesagt, dass ich diesen Job nicht machen will. Aber da steht es: Anna – Engel. Die Chefin strahlt mich an: „Wir dachten, es wird langsam Zeit. Du kannst wählen, ob du Gold oder Silber sein willst. Das wird so hübsch aussehen!“
Ich wähle Gold. Natürlich. Und ich unterschätze massiv, wie hartnäckig dieser Goldglitzer in meinem Haar, in meinem Gesicht und auf meinen Armen haften wird. Es ist Freitagabend, Singles aller Länder vereinigt euch, und ich trage wie abgesprochen ein weißes Top, die weiße Wickelhose dazu und dann tonnenweise Glitzer. Am Ende die Engelsflügel, sie werden mit zwei Sicherheitsnadeln an meinem Rücken befestigt. Süß.
Wenn man in einer Disco arbeitet und es dort eine Singleparty gibt, muss man vielleicht damit rechnen, dass man irgendwann an dieser Stelle im Dienstplan steht. Engel. Über den Engel können Gäste Nachrichten verschicken, auf kleinen Zetteln schreiben, hey, lass uns doch gemeinsam nen Drink nehmen. Es ist eine Art Entertainment-Job: Der Engel tanzt auf der leeren Tanzfläche, wenn sich sonst keiner traut. Der Engel macht Fotos für die Website. Und der Engel läuft herum, quatscht mit den Gästen, verbreitet gute Stimmung.
Kennt man mich, dann dürfte eigentlich klar sein, dass das nicht gerade meine Stärken sind. Und doch: An diesem Abend merke ich, dass ich es kann. Ich bin gut darin, durch den Saal zu schweben und positive Stimmung zu verbreiten. Das liegt sicher an den Flügeln, die habe ich heute noch. Manche Gäste kommen zu mir, senden ihre Geheimbotschaften, manchmal geht es hin und her, aber ich bekomme meist nicht so genau mit, was im Laufe des Abends aus diesen Begegnungen wird.
Ich bekomme selbst viele Zettelchen – mit Telefonnummern, mit Angeboten, mehr oder weniger explizite: Der ist für dich. Und natürlich lehne ich ab. Entsingelt euch mit den anderen, liebe Leute. Manchmal trinke ich ein Glas Sekt mit jemandem, tanze, unterhalte mich über dies und das. Wie an diesem Abend, der nicht richtig in Gang kommt. Da ist dieser Typ, der mit mir tanzen will, irgendwas Standardtanz-mäßiges. Ich sage: Kann ich nicht. Noch nie gemacht, nein, kein Tanzkurs, auch nicht vor dem Abiball, nein, wirklich nicht. Er sagt, das mache gar nichts, er führe ja schließlich.
Und dann wird es ein bisschen magisch, denn wir tanzen. Was genau das ist, weiß ich nicht. Und wo meine Füße hingehören, weiß ich auch nicht. Aber es ist erstaunlich, wie gut sich das anfühlt. Es ist der Tag, an dem ich verstehe, dass führen und geführt werden zusammengehören. Dass es keine Schwäche ist oder ein Verlust, dieses „führen lassen“, dass ich keine Angst haben muss vor Kontrollverlust. Und dass ich mich nicht entscheiden muss für eins, sondern dass ich von Situation zu Situation wählen kann.
Wie bei dem Führungstraining mit den Pferden. Es geht nicht so sehr darum, wie man glaubt, aufzutreten zu müssen. Schauspielerei funktioniert eh nicht. Denn sie spüren es, wenn Verhalten nicht stimmig ist. Man braucht auch nicht groß oder laut zu sein, alles gar nicht nötig. Aber damals habe ich keine Ahnung, wie ich sein möchte, wohin meine Stärken gehören und dass meine Zweifel und Ängste nicht einfach verschwinden, wenn ich sie verschweige. Die Pferde spüren das auch. Keine Verbindung, kein Respekt, wie soll man auch eine Person respektieren, die keine Ahnung hat, wer sie ist?
Sicher kein Engel. Aber erstaunlich gut darin, die eigene Neugier zu nutzen, um neue Dinge zu lernen. Und Seiten an sich zu entdecken, die vorher nicht mal ansatzweise sichtbar waren. Manchmal fällt man auf die Nase, manchmal beißt einem ein Pferd in die Hand, manchmal zerfällt die Welt an einem einzigen Tag. Aber manchmal passieren magische Dinge. Sie sickern ein, werden zu Erkenntnissen, verknüpfen sich mit anderen Erlebnissen, mit Gelerntem.
Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Abenden ich als Engel unterwegs war. An welchem Abend ich getanzt habe, an welchem ich den schönsten Rausch meines Lebens hatte. Ich weiß aber noch sehr genau, dass ich noch lange, lange Zeit Glitzer in meinem Bett gefunden habe. Und dass so mancher Schultag verglitzert war, weil noch etwas in meinem Haar klebte oder in meinem Gesicht. So hinterließ ich eine Spur Goldglitzer – auch in den Leben von anderen. Denn auch in der Wohnung meines Freundes hielt er sich hartnäckig, auch als die Disko schon längst geschlossen hatte.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
2 Antworten
Zauberleicht und inhaltssatt
Jetzt hab ich Glitzer auf der Seele.
Danke.
hmm irgendwie gefällt es mir