Es ist so klein geworden, das Zimmer, in dem sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Sie steht da, stumm, die Kaffeetasse in der Hand, und schaut nach unten auf ihre Füße. Sie steht in der Sonne, so wie damals, als ihre Füße so viel kleiner waren. Morgens erwärmt die Sonne Stück für Stück die Holzbohlen und wenn man eine Weile wartet, werden die nackten Füße warm. Von unten, genau dann, wenn man sich auf eine sonnengewärmte Stelle stellt, und dann von oben, weil die Sonne draufscheint. Sie steht in der Sonne und fühlt sich so wenig sonnig wie lange nicht mehr.

Sie hängt an diesem Zimmer, an der Wohnung, an dem ganzen Haus. Hier hat sie sich eine Kindheit erzählt, die bis heute noch da ist. Im Fensterahmen das Herz, A+S, wann hat sie das gemacht, in welchem Alter? Es ist heute nicht mehr wichtig, aber damals waren diese großen Gefühle eine Weile lang alles, worum sich die Welt drehte. Worum sie sich drehte.

Sie schaut nach rechts. Das Etagenbett steht schon lange nicht mehr in der Nische, seit dem Auszug vor Jahren ist es nicht mehr da. Und es wird auch nie wieder ein Etagenbett sein, denn man hat es in zwei Teile gesägt. Sie wollte es nicht mehr, also wurde es weitergegeben. Endgültig. Und doch hängen hier die Erinnerungen in der Luft, als könnten die Sonnenstrahlen etwas zurückholen, das es vielleicht nie gegeben hat.

Hier lag sie stundenlang im Bett, lesend, abgetaucht in andere Welten. Und es mussten gar nicht immer die aufregenden Abenteuer sein, im Gegenteil: Als sie Kästner entdeckte, gab es eine Weile nur die Geschichten von Kindern, Freundschaft, Eltern, die nicht immer glückliche Entscheidungen treffen. Warum die großen Heldensagen, wenn die großen Heldentaten meist im Kleinen passieren? So hätte sie es damals nicht ausgedrückt, natürlich nicht. Aber gefühlt hat sie es. Es geht darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie hatte sie sich gefühlt, als sie hier ausziehen musste? War sie traurig, hatte sie Zeit, darüber nachzudenken? Die Lücken sind zu groß, wie so oft. Aber die Rückkehr war nicht wie im Märchen, kein happy end. Es war alles anders, kleiner, weniger stimmig. Und doch: Sie war wieder hier. Sie machte ihr Abitur, fing an zu jobben, studierte. Wie kann man mit 18 zurückkehren an einen Ort, an dem man lebte, als die Welt noch in Ordnung war?

Sie seufzt, es ist schwer. Der Kontrast ist zu groß, sie bringt die Welten nicht übereinander. Der Raum ist der gleiche, das Licht auch, der Boden, die Wände, sogar die Sicht nach draußen. Aber die Perspektive nicht. Wie alt war sie, als sie hier ausziehen musste? 11? Wie viel war sie gewachsen, dass diese Räume so sehr geschrumpft waren?

Sie wird hier nicht ewig wohnen. Und der nächste Auszug wird der endgültige. Manchmal fährt sie an dem Haus vorbei und es schmerzt, aber sie weiß nicht warum. Das ist vielleicht diese Geschichte, die sie sich selbst erzählt hat. Sie bekommt Risse. Klar, dass das wehtut.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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