Junior kommt aus seiner ersten Ferien-Auszeit zurück und – na klar – er hat neue Geschichten erlebt, die er mir erzählt und die er auch in seinem Blog aufschreiben möchte. Ich bin natürlich neugierig und freue mich auf die Eindrücke, die er mitgebracht hat. Denn er achtet auf die kleinen Dinge, freut sich darüber und speichert sie für sich ab. Das ist das, was ich meinen Mentees oft so sehr wünschen würde – die Story zu erkennen, den Wert daran und die Botschaft, die sie übermitteln können, wenn sie sie erzählen. Das Problem: Oft ist da eine Angst, die Geschichte oder das Thema könnten nicht gut genug sein, nicht angemessen oder nicht relevant genug. Und auch Junior scheint nicht gefeit davor zu sein.
Gestern kam Junior nach Hause. Und nachdem er mir kurz die wichtigsten Erlebnisse erzählt hatte, kamen die neuen Ideen für den Blog. Ich sagte: Schreib es doch einfach auf, dann schauen wir weiter! und er meinte: „Ich erzähl es dir erst, okay? Weil ich weiß nicht, ob es eine gute Geschichte ist…“
Junior nimmt hier so etwas wie Blog-Coaching in Anspruch und das finde ich toll. Aber auf der anderen Seite finde ich es auch bedenklich. Denn nein, ich bin nicht die Instanz, die über die Güte oder den Sinn und Unsinn von Storys entscheidet. Ich unterstütze nur dabei, sie in eine Form zu bringen, in der man sie gut lesen kann und in der die Botschaft klar rüberkommt.
Erst neulich gab es eine Diskussion im Fediverse darüber, welche Themen von Belang seien und welche nicht. Das muss man sich mal vorstellen: Da erzählt jemand aus seinem Alltag und bekommt zu hören (also zu lesen), dass solche belanglosen Posts da nicht hingehören. Und nicht nur über Relevanz wird gestritten, auch darüber, was an welcher Stelle und in welcher Community geteilt werden darf.
Ich habe das nur am Rande mitbekommen, aber es ging um eine Art Zensur. Es kam die Aussage, dass traurige oder harte Themen an einer bestimmten Stelle nicht erwünscht seien und das bei einem höchst menschlichen, sehr relevanten Thema – Verlust. Also wenn ich so etwas lese, dann verstehe ich die Frage danach, ob die Geschichte, die Junior erzählen möchte, auch gut genug sei.
Was ist eine gute Geschichte?
Die Geschichte ist dann eine gute Geschichte, wenn sie etwas auslöst. Irgendetwas. Und wenn es nach mir geht, dann darf das gern positiv sein, aber auch die traurigen, tiefen Storys sind doch gute Storys. Denn auch sie zeigen kleine Ausschnitte, Menschliches, etwas, das bewegt.
Und genau hier möchte ich allen Blogger*innen und auch allen anderen, die Texte ins Internet schreiben, zurufen: Die Geschichte ist dann relevant, wenn du sie für erzählenswert hältst. Mehr muss es nicht sein. Du hast etwas erlebt oder gedacht, das dich bewegt hat, das dich beschäftigt. Dann ist die Chance sehr groß, dass es bei anderen auch so ist.
Nicht für alle – natürlich nicht. Aber die, die das nicht lesen wollen, die sollen doch bitte weiterscrollen und sich den Content suchen, den sie gerade brauchen. Und alle anderen können sich erfreuen an guten-Morgen-Posts, an kleinen Geschichten, an Hunde-oder-Katzen-Content, an offenen Fragen, die einfach in den Raum geworfen werden, an nicht fertig gedachten Ideen, an kleinen Ärgernissen oder großen Dramen. Oder eben man fühlt mit. Mit dem Verlust eines Menschen, den man gar nicht kannte. Mit einer Angst, die noch nicht ganz verarbeitet ist. Mit der Verzweiflung, die gerade erst soweit gesackt ist, dass man sie in Worte fassen kann – vielleicht bleibt es auch beim Versuch, ganz egal.
Jede Geschichte ist eine gute Geschichte – für irgendjemanden. Jeder Gedanke, den wir wertvoll finden, kann auch für andere wertvoll sein. Auch, wenn er nicht fertig ist. Nichts anderes ist das hier, es ist nur laut gedacht. Ich frage nicht nach Relevanz, denn das ist die falsche Frage. Es geht darum, was Geschichten auslösen können – auch die allerkleinsten Blitzlichter vom morgendlichen Spaziergang oder von der Diskussion mit der Kaffeemaschine. Wer das belanglos findet, der darf einfach weiterscrollen. Danke.
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
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