Als ich klein war, mochte ich die Dunkelheit nicht. Das Flurlicht oben auf unserer Etage durfte nicht gelöscht werden, sonst konnte ich nicht schlafen. Mein Bruder hatte mir mal erzählt, dass im Dunkeln die Ratten aus ihren Löchern kämen, in meinem Kopf kamen zu den Ratten noch Hyänen, Krokodile und Schlangen dazu. Es war gefährlich im Dunkeln, das war klar. Und das Licht im Flur war mein Schutz. Daher brüllte ich auch jedem nach, der es wagte, diesen Schalter zu drücken: Licht an!
Heute kann ich nicht gut schlafen, wenn es zu hell ist. Ich liebe Rollläden. Rollläden sind einfach die beste Erfindung der Welt. Bin ich in irgendwelchen Ferienhäusern oder irgendwo zu Besuch, wo es keine Läden gibt, dann liege ich lange wach und schlafe unruhig. Dafür braucht es gar kein Licht von fiesen Straßenlaternen oder so, es reicht auch der Mond, der dreist durchs Fenster scheint und mir keine Ruhe lässt. Also… keine Dunkelheit.
In fremden Wohnungen finde ich ein bisschen Licht in der Nacht okay, aber eigentlich nur, damit ich nicht völlig planlos gegen Wände und Türrahmen laufe, wenn ich doch mal aufstehen muss, was zum Glück fast nie passiert. Aber das ist schon immer eine kleine Herausforderung: Während ich in meiner Wohnung genau weiß, wie viele Schritte es bis zur Tür sind, in welche Richtung die Türen aufgehen und auch, wie lang der Flur ist, bekomme ich in fremden Wohnungen Probleme.
Ich versuche mich dann zu erinnern, wie viele Schritte ich in etwa gegangen war, als ich den Weg tagsüber mal gemacht habe, aber das geht nie auf. Immer muss ich super langsam und super vorsichtig einen Schritt vor den anderen machen. Mit den Armen weit nach vorn ausgestreckt, um nur ja nicht vor eine Wand oder Tür zu laufen. Es ist egal, wie gut ich mir gemerkt habe, wo was steht und welche schwierigen Tritte es geben könnte: Ist es dann dunkel, taste ich mich voran, anstatt mich auf meine gemerkten Wege zu verlassen.
Hat das eigentlich mal jemand getestet, wie viele Nächte in einer Wohnung es braucht, bis man sich auch ohne Licht schnell und sicher bewegen kann? Es müssen so einige sein, denn auch bei den Männern, bei denen ich über Jahre hinweg immer mal wieder übernachtete, war ich nie so ganz sicher unterwegs, wer weiß, was der da in den Weg gestellt hat, was beim letzten Besuch noch nicht da war…
Einzige Ausnahme natürlich: Wenn der Mond oder die Straßenlaternen die Räume auch nachts so hell machen, dass ich gut sehen kann. Aber besser nicht, denn dann kann ich ja nicht schlafen… irgendwas ist ja immer.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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