Leider kann ich mich nicht daran erinnern, worum es in der Wette ging, ich weiß nur noch den Wetteinsatz: Ich musste meine Haare blondieren. M und ich waren überzeugt: Diese Wettschulden mussten die anderen sehen. Wer verliert, verändert die Haarfarbe. Sie von blond zu rot und ich von dem, was ich mir damals zusammengefärbt hatte, in blond. Und ich hatte verloren.
Nun hätte ich mutig sein sollen, eine Tönung kaufen, meine Haare diesem Bleich-Prozess aussetzen und schauen, was dabei rauskommt. Aber ich hatte echt Schiss. Also so richtig Schiss. Ich hatte mir eine Zeit lang die Haare mit Henna rot gefärbt, dann war es wieder rausgewachsen und ich hatte es wiederholt oder ne andere Farbe genommen.
Und dann kam diese Zeit, in der ich schwarze Haare trug. Tiefschwarz, keine Kompromisse. Wir färbten selbst, meistens hatten wir Hilfe – es ist ja auch viel leichter, sich gegenseitig überall die Farbe hinzuschmieren und darauf zu achten, dass nicht Stirn, Ohren, Kleidung und Badvorleger mitgefärbt werden.
Es war meine alternative Phase, ich trug Zimmermannshosen, Hoodies, schon immer ausgelatschte Sneaker. Und die schwarze Kleidung passte dann auch zu den schwarzen Haaren. Später sagte mir ein Kumpel, das war die Zeit, in der er verknallt in mich war. Er sagte, wegen der Haarfarbe, ich denke, weil ich so unfassbar cool war.
Nicht so nett-cool, wie die Leute, die später zum Jahrgangs-Traumpaar gewählt werden. Unabhängig-cool. Regeln fand ich blöd und doch war ich im Inneren angepasst und wollte nur dazugehören.
Aber wie auch immer: Das Schwarz wuchs auch raus, ich habe dann nach ein paar Wiederholungen entschieden, dass ich meine natürliche Haarfarbe gar nicht so schlimm finde und so durfte das Schwarz sich nach und nach aus meinem Haar verabschieden.
Blöd nur: Damals, als M und ich die Wette laufen hatten, war es noch da, dieses selbstgefärbte Schwarz. Zumindest war es noch nicht ganz weg. Und nun sollte ich blond werden. Ich recherchierte, las von lustigen Effekten, die sich ergeben können. Grüne Haare, orangene Haare, wenn man Glück hatte wurde es nichts völlig Exotisches.
M und ich gingen zu einem Friseur. Diese Verantwortung wollte ich schon in fachkundige Hände legen. Die Friseurin schaute auf meine Haare, auf die Struktur, die Farbreste, all das, was ich mit meinen armen Haaren gemacht hatte. Und sagte: Mach das nicht, das wird grün.
So sah selbst M ein, dass sie dieses Opfer nicht von mir verlangen konnte. Und ich wurde keine Wasserstoff-Blondine. Später in meinem Leben färbte ich noch mal nussbraun, ein dunkler Ton, denn sonst könne man das gar nicht sehen bei meiner Haarfarbe, so die Friseurin. Sie meinte, es sei zwar nach Farbpalette noch blond, aber man müsste schon kräftig drüber färben, für den Effekt.
Dieser Friseurbesuch hat bei mir eine kleine Identitätskrise ausgelöst, denn ich hatte immer gedacht, dass ich brünett bin. Nun also die Wahrheit: Bei der Geburt eine Blondine gewesen, fast weißes Haar, so hell. Dann wurde es immer dunkler, ist aber wohl immer noch blond. Dann ist es auch klar, warum der Schritt hin zu schwarz mir heute sehr, sehr groß vorkommt.
Ich weiß übrigens nicht mehr, ob ich einen Ersatz-Wetteinsatz bringen musste. Eigentlich weiß ich nichts mehr von dieser ganzen Sache. Nur dass ich keine Blondine wurde. Obwohl ich ja eine war. Wusste nur keiner.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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6 Antworten
Ich hatte meine Haare auch mal schwarz gefärbt und kam anschließend auf die glorreiche Idee sie mir wieder zu blondieren.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Packungen des wasserstoffperoxiden Blondes ich gekauft und auf meine Haare gemacht habe, aber es waren viele.
Verdammt viele.
Um danach beim Friseur zu sitzen.
Denn meine Haare wurden alles andere als blond…
Sie wurden orange.
Schade, dass es davon kein Bild gibt.
Heute würde ich wahrscheinlich drüber lachen.
Damals fand ich es nicht ganz so witzig
Zimmermannshosen und schwarze Haare kann ich mir richtig gut an dir vorstellen. Blondine eher nicht. Womöglich noch mit Kleidchen, Handtäschi und rot lackierten Nägeln? Neee! Am liebsten ganz in Natur!
Liebe Anna,
deine „Die Wette“-Geschichte ist so herrlich ehrlich und voller jugendlicher Energie – ich spüre die Aufregung und den Schrecken vor dem Blond-Desaster sofort mit.
Die rebellische Schwarzhaar-Phase mit Latzhosen klingt legendär cool.
Danke für diesen unterhaltsamen Einblick – ich bin gespannt, welche weiteren Schätze dein Schreibprojekt noch zutage fördert!
Kathy
Keine Latzhose, eine Zimmermannshose! Die mit den zwei Reißverschlüssen vorn und den vielen Taschen für das ganze Werkzeug. Und viel Schlag. Hab ich geliebt – und sie hielt lange, weil ja Arbeitskleidung und kein Mode-Quatsch. Cool ist immer anders als die anderen – in meiner Welt 🙂
Für Frauen/ Mädchen ist das schlimm… Meine Jüngste hatte auch mal unfreiwillig „grün“. Da kam dann Tönung drauf und alles was im Haus an Hüten rumlag wurde getragen…. Mich hat es amüsiert, und es fiel mir manchmal nicht leicht, das zu verbergen. Denn: ich hatte sie gewarnt!!!!
Heute können wir beide darüber lachen – ich sicher mehr als sie.
Ja, das ist ja die Frage, ob es nicht jede zusätzliche Intervention nur noch schlimmer macht… Also ich denk, das ist dann einfach Mützen- und Kapuzen-Zeit, bis es wieder einigermaßen geht. Und mit Würde scheiße aussehen. Aber ich habe mich ja nicht getraut 🙂