Ein Jammern, ein Quäken, ein Weinen. Das Baby auf ihrer Brust ist aufgewacht. Sie schaut zur Seite, nicht mal zwei Stunden seit dem letzten Mal. Hat sie überhaupt geschlafen? Sie streicht ihrem Sohn über den Kopf. Was hast du denn jetzt schon wieder? Das Baby ist immer unzufrieden. Es möchte nicht schlafen, es möchte nicht trinken, es möchte eigentlich gar nichts. Nur getragen werden, auf eine ganz bestimmte Art. Und auf der Brust von irgendjemandem liegen, dann beruhigt es sich manchmal kurz.

Das Baby weint und sie weiß nicht warum. Windel trocken, satt, Nähe… es ist doch alles gut. Eigentlich. Aber nicht für dieses Baby, es ist unzufrieden. Sie steht auf, das Baby im Arm. Sie muss laufen, das weiß sie. Also wickelt sie die Babydecke um ihren Sohn und läuft. Das kleine Nachtlicht macht den Raum gerade hell genug, dass sie nicht über ihre Einrichtung stolpert. Vom Schlafzimmer in den Flur in die große Küche. Licht fällt durchs Fenster, die Straßenlaternen geben genug Licht, sie weiß, wo sie hintreten muss. Und läuft in Achten durch ihre Küche und ihr Wohnzimmer.

Das wird dauern, sie spürt es. Sie ist unendlich müde, so müde wie noch nie in ihrem Leben. Und da ist noch etwas: Diese Hilflosigkeit. Sie kann es ihrem Baby nicht recht machen. Was hat es bloß immer zu meckern? Hat sie doch zu viel Stress gehabt in der Schwangerschaft? Sicher, es ist ihre Schuld – wessen auch sonst? Sie hat gelesen und gelesen, alle Tricks von vorn bis hinten durchprobiert. Aber es bleibt dabei: Das Baby ist unzufrieden.

Resigniert läuft sie weiter ihre Achten, immer weiter. So viele Bekannte haben ihr Tipps gegeben, sie müsse doch nur dies und das tun, das hat immer bei ihnen geholfen. Schön für sie, hier hat nichts geholfen. Ist natürlich auch ihre Schuld, sie ist zu angespannt, zu gestresst, zu müde, zu erschöpft. Klar dass sich das auf das Baby überträgt, oder? Manchmal, wenn jemand anderes auf das Baby aufpasst, freut sie sich fast ein bisschen, dass es auch dann unzufrieden ist.

Sie ist doch schon drüber hinweg, über diesen Punkt der Verzweiflung. So weit drüber weg, dass sie sogar diesen Homöopathie-Quatsch ausprobiert hat. Wenn niemand hilft, nimmt man jeden Strohhalm. Sie war auch beim Osteopathen, obwohl sie das ebenfalls für Quatsch hält. Sie hat das Geld dafür eigentlich nicht, egal. Der Osteopath sagt ihr auch, dass sie Schuld ist. Kaiserschnitt, sagt er mitleidig zu dem Baby, du armer kleiner Kerl, dass du das durchstehen musstest. Aber auch die säuselnde Stimme, die Wunderhände und das Mitleid des Osteopathen helfen nicht. Nichts hilft. Das Baby weint und schreit und ist unzufrieden. Sie ist bei ihm, mehr kann sie nicht tun.

Jetzt wird ihr Sohn ein bisschen ruhiger, sie läuft weiter. Nur nicht zu früh aufhören, dann wird er sich fürchterlich aufregen, das weiß sie. Weiterlaufen, immer weiter. Sie ist bestimmt schon eine Dreiviertelstunde unterwegs und sie wird immer unruhiger, möchte schlafen, nein, eigentlich möchte sie, dass ihr Sohn einfach mal schläft. Am besten ohne sie. Sie hat sogar das fürchterliche Buch gelesen, in dem propagiert wird, jedes Kind könne schlafen lernen. Nein, sie würde ihren Sohn nicht schreien lassen, nicht allein, niemals. Lieber mit ihm zusammen unzufrieden sein. Vielleicht beschwert er sich ja auch über die schwierige Weltlage, das kann ja wirklich erdrückend sein.

Sie beschließt, einen Versuch zu machen. Wir legen uns noch mal hin, flüstert sie. Und es kommt keine Antwort, das ist gut. Sie setzt sich aufs Bett, möchte sich doch nur hinlegen und die Augen zu machen. Aber der Versuch kam zu früh. Das Baby stimmt ein lautes Protestgeschrei an. Nein nein nein nein! Sie hat nicht aufgepasst, war zu ungeduldig, alles Laufen war umsonst. Sie wird wütend, spürt es sofort. Auf das Baby, auf sich selbst, auf die Welt. Es ist unfair, all das hier. 12 Stunden Schlaf am Tag, hahahaha. Ihr Sohn war schon immer wach. Sogar als Neugeborener.

Sie weiß, dass es so nicht gehen wird, sie muss hier weg. Sie legt das Baby ab, es ist zu viel. Es weint weiter. Sie steht auf, jetzt sind ihre Schritte schnell, sie ist laut, denkt sie, es tut ihr leid. Mit voller Wucht schlägt sie gegen den Türrahmen, es knallt und es tut weh, aber es ist, als könnte sie die Wut in den Türrahmen übertragen. Wie beim Billard, Kraftübertragung, ihre Kugel soll liegenbleiben, nicht weiter rollen, es soll aufhören. Der blaue Fleck an ihrem Handgelenk wird noch Wochen später zu sehen sein. Er wird auch nicht blau, sondern dunkellila.

Tränen laufen ihr über das Gesicht als sie eine Flasche fertigmacht, sie weint nicht wegen des Schmerzes, den spürt sie nicht. Es sind Tränen der Müdigkeit, der Hilflosigkeit, der Ungerechtigkeit, der Wut. Und dieses Gefühl, so unendlich allein zu sein. Niemand kann das hier verstehen, niemand glaubt ihr, dass das hier passiert. Das machen Babys nicht, die weinen nur, wenn sie was brauchen. Ist ganz einfach, man kann das sogar am Schreien hören, was sie wollen. Blablabla. Sie ist allein damit, nichts daran ist in Ordnung.

Ihr ist völlig klar, dass es kein Hunger ist, der da schreit. Es ist egal, sie muss irgendetwas tun. Das Baby ist immer noch unzufrieden. Jetzt geht es wieder, das bisschen Verstand, das noch da ist, sagt ihr, dass niemand was dafür kann. Aber leider auch nicht dagegen. Sie löscht das Licht und geht zurück zu ihrem Sohn. Jetzt sind die Bewegungen wieder weicher, es ist unfassbar, wie kurz der Weg ist von rasender Wut hin zu unendlicher Liebe. Das Baby wird nur drei, vier Schlucke trinken, missmutig, unzufrieden. Und das ist auch schwer. Als wolle es ihr zeigen, wie wenig sie verstanden hätte, was es braucht. Und trotzdem werden sie das hier hinkriegen.

Das Baby wird bis zum ersten Geburtstag minimal weniger unzufrieden, aber schlafen kann es auch als Kleinkind nicht. Die ersten zwei Jahre lang geht es nur, wenn jemand da ist. Und auch danach gehört Schlaf nie zu den Kompetenzen dieses Kindes. Genug Schlaf bekommt sie erst wieder, als das Kind bereits in der Grundschule ist.

Später, viel später nach dieser Nacht, wird sie einen Artikel lesen von einem Kinderarzt, der über High-Need-Babys schreibt. Er selbst habe es nie glauben wollen, dass es so etwas gibt, hatte er Eltern mit aufgeregten Babys in seiner Praxis, dann gab er ihnen die gleichen Tipps wie es alle Ratgeber tun. Er hatte schon eine Handvoll Kinder und alle waren entspannt gewesen. Bis er dann ein weiteres bekam. Eins, das immer unzufrieden war, ganz egal, was man tat. Und ein bisschen fühlt sie sich rehabilitiert.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

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