Als ich an dem Wohnkomplex ankomme, bin ich überrascht, wie hässlich er ist. Der Bus hält, ich steige aus und bin verwirrt: Rechts von mir ist dieser große, graue Bau, links von mir der Deich, dahinter das Meer, wenn es denn da ist. Es ist nicht kalt, obwohl es kurz vor Weihnachten ist, perfektes Wetter für lange Spaziergänge. Ich treffe die Vermieter direkt dort an der Bushaltestelle, sie sehen mich ein bisschen mitleidig an. So ganz allein hier oben – und das zu Weihnachten?! Ja, genau. Nur ich und die Nordsee und freie Zeit.

Sie drücken mir die Schlüssel in die Hand, letzte Instruktionen zur Unterkunft, ja, habe die Infos gelesen, danke. Und einen schönen Aufenthalt und einen guten Rutsch, danke, ebenso. Mein Apartment ist irgendwo in diesem riesigen Betonklotz, von innen ist er aber nicht ganz so hässlich wie von außen. Lange Flure, Teppichboden überall, es ist ein bisschen wie im Hotel.

Ich bin auf der Etage, auf der auch das kleine Schwimmbad ist. Und die Sauna. Wenn schon runterkommen, dann richtig, so hatte ich mir das gedacht. Ich werde fauler als faul sein und nur Dinge tun, die ich auch tun will. Und das an Weihnachten, wo ja gern mal alle Dinge tun, die sie eigentlich nicht möchten, der lieben Familie wegen. Ein Ausbruch, den nicht alle in meiner Familie verstehen, aber das müssen sie auch nicht.

Nordsee sollte es sein, es war bestimmt Miri, die auf die Idee mit Cuxhaven gekommen war. Es ist Ende 2011, ich bin 25 und müde von all dem müssen und den Erwartungen. Also nehme ich den Vorschlag dankend an, rund um Neujahr wegzufahren. Ich finde die Idee so gut, dass ich schon vor Weihnachten fahre. Miri kommt nach, wenn Weihnachten rum ist. Also drei Tage ganz allein für mich.

Ich schlendere durch den Ort, kaufe das Nötigste ein, schaue mich um, ich brauche ja nicht viel. Richtung Ortskern wird es hübscher, aber am besten ist es, wenn man am Deich entlangwandert, bis man vom Ort und den Häusern nichts mehr sehen kann. Durchgefroren vom Wind komme ich ins Apartment zurück, koche mir schnell einen Kaffee und schmeiße mich dann in meinen Bademantel, auf zur Sauna.

Hier ist niemand, na ja, fast niemand. Eine Familie mit zwei Kindern ist im Schwimmbereich, aber das ist mir völlig egal. Sauna, Buch, Runterkommmen. Das ist der Plan. Ich koche mir Kleinigkeiten, keine Lust auf großen Aufwand in der kleinen Küche. Wie (fast?) jedes Jahr gibt es Kill Bill an den Feiertagen, Traditionen sind eben wichtig.

Ich schreibe kaum, telefoniere auch wenig, es ist nicht die Zeit für Konversation. Es ist Zeit für meine Gedanken, die manchmal so laut sind, dass ich froh bin, wenn der Wind mir fast die Mütze vom Kopf weht. Durchgepustet heißt das wohl, das ist auch gut so. In meinem Krimi sind Thomas Lynley und Barbara Havers wieder mal dabei, einen Mordfall aufzuklären, auch das ist erstaunlich entspannend für mich.

Vielleicht bereite ich mich auf den Sturm vor, der 2012 kommen wird. Er wird mein ganzes Leben umkrempeln, vielleicht bin ich es auch. Und vielleicht ist es wichtig zu wissen, dass ich Dinge nur für mich tun kann. Auch oder gerade dann, wenn mich alle für verrückt erklären oder beleidigt sind, dass ich nicht zum Weihnachtsbraten zuhause bin.

Sähe sich jemand an, was ich da machte, drei Tage lang allein in Cuxhaven, er würde sicher denken „was für ein langweiliges Leben“. Aber langweilig ist manchmal genau das, was es braucht. Und einen Ausbruch, eine Reise, bei der es ausreichend Zeit gibt, jedes Detail in sich aufzusaugen. So detailliert, wie ich diese Auszeit erlebte, so detailliert nahm ich mein Leben wahr, all die eingefahrenen Strukturen, das Alte, das es loszulassen galt. Manchmal braucht es dafür die See. Und warum nicht Cuxhaven?

Über die alte Liebe, das alte Leben und die Erkenntnis, die mir in Cuxhaven kam, habe ich übrigens schon an anderer Stelle geschrieben: Erkenntnis.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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