Das Spiel war eins der besten Spiele, die jemals erfunden wurden. Warum es bis heute so wenig Leute kennen, kann ich mir nicht erklären. Der Name? Vermutlich eine Adaption von Janosch, denn der Budenzauber kam immer mal wieder vor in den Geschichten von Tiger und Bär. Wir hatten zwar keine Kochlöffelgeige und auch keinen Besenstielbass, aber wir hatten einen Staubwedel.
Unser Vater hatte den Staubwedel, der war existenziell für den Budenzauber. Wir rannten mit viel Radau und irre viel Spaß von einem Zimmer ins andere, unser Vater jagte uns mit dem Staubwedel. Es war das beste Spiel der Welt und wir wollten es immer wieder spielen.
Unsere Kinderzimmer waren unter dem Dach und da, wo die Dachschrägen waren, hatten wir Gänge, in die wir kriechen konnten. Zwei der Zimmer waren durch diese Gänge sogar verbunden, man konnte also nicht nur über den Flur die Zimmer verlassen, sondern auch durch die Gänge. Weil wir klein waren, konnten wir fast stehen darin, unser Vater nicht so, der musste sich sehr bücken und war dadurch entsprechend langsam unterwegs. Man konnte sich also in Sicherheit bringen vor dem Budenzauber.
Wir spielten dieses Spiel gern vor dem Schlafengehen – unsere Mutter fand das nicht so toll, denn sie meinte, wir würden durch das Toben gar nicht müde, sondern eher aufgekratzt. Aber uns war das egal, denn es war ja das beste Spiel der Welt. Und: Wir waren ja oben. Das war der richtige Ort, denn unsere Eltern sagten immer, wenn wir unten zu lärmig waren: Toben oben. Es war also alles korrekt.
Und wenn wir nach dem Spiel im Bett lagen, nach dem Toben, nach dem Kuscheln und nachdem wir mehrfach vom Budenzauber eingefangen worden waren, dann war die Welt in Ordnung. Albern vielleicht, aber in Ordnung.
Neben dem Gang, der zwei der Zimmer verband, gab es auch Gänge, die nicht so richtig Gänge waren, sondern eher Kammern. Sie führten nicht irgendwohin, sondern waren kleine Höhlen, Kabuffs, in die wir uns verkriechen konnten, die wie kleine Wohnungen waren.
Wir dekorierten dort die schrägen Wände, klebten Herzchen drauf und Sterne. Wir stellten unser Radio in die Gänge und hörten Musik und Hörspiele. Manchmal legten wir unsere Spielmatratze in einen der Gänge, um dort zu lesen oder einfach nur zu sein. Und manchmal zogen fast alle meine Puppen mit in die Höhlen, je nachdem, welche Geschichte wir uns gerade ausdachten.
Einmal spielten wir mit einer Freundin oben in den Höhlen, wir hatten uns in einer davon eingerichtet, leider die, die nur einen Eingang hat. Ich weiß nicht mehr, was wir spielten, aber irgendwann fiel die kleine Tür zu und wir alle waren drin in der Höhle. Die Tür ging nach innen auf und es gab keinen Griff oder eine Klinke. Wums. Wir waren eingesperrt.
Zuerst waren wir zuversichtlich, alles klar, wir kriegen die Tür schon auf. Ein bisschen Licht fiel hinein durch die Ritzen an der Kabuff-Tür, aber nicht viel. Mein Bruder war der älteste von uns und er machte sich daran, die Tür irgendwie aufzukriegen. Er hatte allerdings nur mäßigen Erfolg. Unsere Finger passten nicht in den Türspalt, wir konnten die Tür nicht aufmachen. Mit einem Spielzeuglöffel versuchte mein Bruder dann, die Tür aufzuhebeln – ohne Erfolg.
Und je länger wir dort im Fast-Dunkel eingesperrt waren, umso unruhiger wurden wir. Panik kam auf: Was passiert hier mit uns? Wir kommen nicht raus und werden für immer eingesperrt sein! Gibt es überhaupt genug Luft für uns? Wir könnten ersticken! Was haben wir uns nur dabei gedacht, hier überhaupt zu spielen? Wir werden sterben und unsere Eltern werden nur noch drei Leichen aus dem Kabuff bergen…
Ja, es war eine lebensgefährliche Situation und wir waren ängstlich. Unsere Freundin fing an zu weinen – und verbrauchte vielleicht noch mehr unserer kostbaren Luft. Selbst mein Bruder, der immer noch mit dem rosa Plastiklöffel hantierte, wurde immer unruhiger.
In meiner Erinnerung war ich es, die uns alle rettete: Denn ich hatte den genialen Gedanken: Unsere Eltern sind doch eine Etage tiefer! Wir müssen sie also schnell auf uns aufmerksam machen, bevor wir alle jämmerlich erstickten. Ich schmiedete einen brillanten Plan: Wir mussten so lange mit den Füßen auf den Boden stampfen, bis uns jemand hörte.
Und so machten wir Krach, so richtig Krach. Stampften, trampelten, brüllten um unser Leben.
Bis unser Vater ins Zimmer kam, ziemlich angefressen, und rief, was uns denn einfiele, so einen Lärm zu machen. Und wir riefen aus dem Kabuff, wir sind eingesperrt, Hilfe, befrei uns!
Wir sind an diesem Tag nicht erstickt, ein Glück, dass ich so clever und geistesgegenwärtig war und dass uns jemand retten konnte. Dass Licht durch den Türspalt fiel, dass dadurch auch Luft in die Kammer kam, dass es dauert, bis man erstickt… all das war nicht wichtig. Ich hatte uns das Leben gerettet. Und unsere Eltern waren wegen des Lärms gar nicht wirklich sauer.
Das Kabuff, unsere Höhle, hatte ab diesem Zeitpunkt einen Griff innen. Ich denke, den gibt es immer noch.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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