Warum nur, warum ist für alle immer die Verbindung zum Boden so wichtig? Ja, alle und immer. So ist es doch, egal ob du mit nem Coach, nem Psychotherapeuten oder Psychologen sprichst, immer ist da dieser Impuls: Stell deine Füße auf den Boden, spür die Verbindung, dies das. Eine liebe Freundin schrieb mir mal: Du fliegst schon wieder wer weiß wo herum, in deinem Kopf schwebst du – hast du gar keinen Kontakt mehr zum Boden?

Boden. Bodenständig. Erdung. Erde dich und deine Gedanken. Du hast keinen festen Stand, wenn du immer so herumfliegst. Halt doch mal an. Das haben sie mir gesagt. Und immer wieder dieses „Füße auf den Boden“.

Als ich klein war, hatte ich eine Fußfehlstellung, meine Füße waren wohl stark nach innen gedreht und man versuchte alles, um diesen Fehler zu beheben. Ich sollte doch anständig laufen lernen, vielleicht, damit ich mich besser erden kann? Wer weiß.

Ich wurde dann zum Ballett geschickt, schon früh. Da lernst du laufen und springen und Haltung und überhaupt. Ich war nicht so gut darin, außer bei den Pferdchensprüngen. Die machten wir immer diagonal durch den Raum. Dieser Raum ganz oben im Stadttheater, so konnten meine Eltern erzählen, ich ging in die Ballettschule vom Stadttheater, die Ballettlehrerin hatte auch einen ganz gewichtigen Namen, der klang nach Respekt und Fleiß und Überwindung. Aber ich weiß ihn nicht mehr.

Die Pferdchensprünge aber, daran erinnere ich mich. In der Luft, mit Haltung, Beine hoch, das konnte ich. Dafür wurde ich gelobt. Aber all das andere… Irgendwie war ich nicht gut genug. Die anderen in der Gruppe wurden nach und nach „befördert“, sie durften in den Kurs, in dem man dann irgendwann die richtig coolen Sachen macht (und sich auch noch mehr quält, vielleicht hopst man da nicht mehr so viel).

Ich wurde nicht befördert, blieb bei den Anfängern und ich hopste. Vielleicht war der Ballettlehrerin auch damals schon klar, dass ich niemals diese Ballett-Figur haben würde, nichts an mir war zerbrechlich. Nie war ich übergewichtig oder dick, aber ich war auch nicht schmal.

Ich war vielleicht eine Turnerin und keine Ballerina, auch wenn ich so süß aussah in den pinken Anzügen. Irgendwann hatte ich eine Probestunde bei den Kunstturnerinnen, keine Ahnung, wer auf diese Idee gekommen war. Wir sind gelaufen und gehopst. Und wir sollten uns dann im Schneidersitz hinsetzen, ich wusste nicht, wie das geht, konnte meine Beine nicht so hinsortieren wie die anderen das machten.

Eine Trainerin hat mir dann die Beine in die richtige Position gebracht, es war ganz einfach, man muss nur wissen wie. Und ab da war ich Turnerin. Vom Tanzstudioboden zum Hallenboden. Spagat gab es ja in beiden Räumen und eine Zeit lang habe ich auch beides gemacht. Aber dann habe ich beschlossen, dass ich eine Turnerin war und eben keine Ballerina.

Ich glaub, mein Vater war enttäuscht. Aber es war gut so, ich wollte nicht weiter in der Anfängergruppe Pferdchensprünge machen, sondern Räder und Handstandüberschläge und Bogengänge turnen. Mein bestes Gerät: Der Boden. Ich war oft die Beste in unserer Gruppe, die sicherste Turnerin in den Wettkampf-Übungen. Daher durfte ich oft als erste an den Geräten turnen. Und holte in den Rundenwettkämpfen 1995 mit meiner Mannschaft die Silbermedaille.

Heute sind meine Füße ziemlich gerade. Nur wenn ich ganz unkonzentriert bin, drehen sie sich minimal nach innen. Gut, dass ich mal eine schlechte Ballerina war.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

2 Antworten

    • Ich glaub, es gibt viele Menschen, die es für eine attraktive Vorstellung halten, Wurzeln zu schlagen. Fest verwurzelt zu sein, Halt zu haben, Sicherheit, solche Dinge. Für mich ist es wohl nichts, zumindest kann ich mit diesem Bild nicht viel anfangen. Fühle, wie deine Füße fest auf dem Boden stehen… ja, okay. Ich frag mich dann immer, was daraus dann folgen soll…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert